Das Geheimnis

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Geistliche Hochfeste leben für Menschen, die sich in deren Tradition eingebunden sehen, von der Gemeinschaft. Man teilt eine Botschaft, feiert die Liturgie, verschmilzt mit dem rituellen Geschehen. Die gemeinsame Erfahrung kann verbinden und stärken.
Ostern gilt im christlichen Kulturraum, so wie Jom Kippur im Judentum und das Ramadan Fest im Islam, als das Fest der Begegnung schlechthin. Was bleibt, wenn staatliche Anordnungen dies untersagen, und ich weitgehend auf mich selber zurückgeworfen bin?
Wenn ich es mir zumute, öffnet sich ein neuer Raum, eine Chance zu besonderer Tiefe. Nennen wir es den Geheimnisraum. Und Ostern wäre nicht, ohne genau dies – das Geheimnis.

Was verbergen Karfreitag, Karsamstag, Ostersonntag und Ostermontag in der Geschichte zwischen Folterung, Tod, dem Nichts und dem zu neuem Leben erwachen? Und warum ist das Verborgene wichtiger als das ungeschminkt zu Tage tretende?
Die Geschichte ist bekannt: Berufung, Verrat, Verhör, Verurteilung, Leidensweg, Verzweiflung, Tod, das leere Grab, die neue Begegnung mit den Getreuen. Dazwischen und darüber hinaus gibt es Fragen:
Wie das denn geschehen und zugelassen werden konnte von „höchster Stelle“?
Auferstehung?
Welche Wahrnehmungen stehen hinter dieser Behauptung?
Wer oder was begegnete den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus?

Dem rationalen Räsonieren entspringen solche Fragen. Ich muss – ja kann sogar – Ostern aber nicht auf einer rationalen Ebene verstehen. Und schon gar nicht muss ich wissen.
Ich mag mir sogar erlauben, die in den Evangelien erzählten und liturgisch seit vielen Jahrhunderten umrankten Begebenheiten einfach sehr besondere Geschichten sein zu lassen. Von wahrhafter Bedeutung scheint mir allerdings das Erspüren ihrer Aufgabe, nämlich eine Brücke aus Einsicht und Zuversicht bauen zu wollen zwischen der Welt des Alltags und der geistigen Welt, die unseren Innenraum erfüllen kann – wenn wir das ersehnen, wenn wir es wollen und dann auch zulassen.

Die erzählte Geschichte enthält ihr Wesentliches in der Dimension hinter den Worten bzw. diaphan, durch die Worte hindurch scheinend. Sie erhält ihre Kraft also nicht vom unzweifelhaft Ausgesprochenen, sondern durch die Erschaffung des Raumes, den wir das Geheimnis nennen.
Das wissen wollen um jeden Preis, mit der Konsequenz, dass das nicht sei, was ich nicht sehe und verstehe, baut sich demgegenüber wie eine Stacheldrahtbarriere vor dem Universum des Unsagbaren auf…

Das Geheimnis verhüllt. In ihm verschmelzen Sehnsucht und die Ahnung von der Unausweichlichkeit der Erfüllung. Es schützt vor dem inquisitorischen, sezierenden, verwissenschaftlichten und pornographischen Blick. Es zieht die in der Stille geborene Schwingung leiser Resonanz dem Marktplatz und den religiösen Marktschreiern vor. Das Geheimnis fragt nicht und will auch nicht befragt werden. Aber es stärkt und veredelt die Sinnes- und Geisteswelten… allein durch das Bewusstsein von seiner Präsenz.

Ein solches Geheimnis, das die Quelle des Unerforschlichen und doch in mir Lebenden fließen lässt, nennen wir Gnade. Erst mit dieser Erfahrung bewegen wir uns in eine Wahrnehmung von Dankbarkeit, die ansonsten hinter einer Hinnahme von alltagsweltlich erklärbaren Selbstverständlichkeiten erblasste. Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im KZ Flossenburg hingerichtet wurde:
„Im normalen Leben wird einem oft gar nicht bewußt, daß der Mensch überhaupt unendlich viel mehr empfängt, als er gibt, und daß Dankbarkeit das Leben erst reich macht.“

In diesen Frühlingstagen drängt die einem Wunder gleichende, verzauberte und verzaubernde Auferstehung der Natur das abgrundtiefe Erschaudern über den wieder einmal menschgemachten, diesmal aber auf die gesamte Schöpfung bezogenen Karfreitag in den Hintergrund. Vielleicht nur auf Zeit. Vielleicht aber auch als unerschöpfliches Zeichen, dass die schöpferische Lebensenergie immer ihren Weg finden wird. Aller Missachtung und aller gedankenlosen Vernichtungsfeldzüge gegen das Leben zum Trotz.

Ostern, in diesem Sinne betrachtet, wird dann das Fest des Lebens in seiner alles überstrahlenden Grundsätzlichkeit. Leiden, Tod und Auferstehung des Propheten aus Nazareth können nun als ein Gleichnis gesehen werden für den Fluss der Lebensenergie – in Gegenwart und Zukunft des Seins schlechthin. Und das Geheimnis ist die Mutter dieses gleichnishaften Verstehens.
***
GEHEIMNIS
Wir leugnen Dich auf unsern wilden Wegen,
und wir zerreden Dich in Eitelkeit –
und dennoch flehen wir um Schutz und Segen
in unsrer ausweglosen Dunkelheit.

Wir sehen auf zu Deiner Sterne Höhe
und nehmen Brot und Wein aus Deiner Hand –
es zeugt von Deiner wundervollen Nähe
die Abendröte über Meer und Land.

Wir fürchten Dich im Blitz – im Sturm und Regen
und zittern im Orkan vor Deiner Macht,
und groß, erhaben kommst Du uns entgegen
aus jedem Wunder einer Sommernacht.

Und doch, es lässt Dich nicht erfahren
der kühle, streng zergliedernde Verstand,
und nur im Knien vorm Unfassbaren
ruhst Du in uns – und wir in Deiner Hand.

(Erna Hintz-Vonthron)

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