Ein Land ohne Vision geht zugrunde

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Dies ist die Botschaft, die wir im biblischen Buch  „Sprüche“ finden. Wenn ein Volk, eine Gemeinschaft, eine Organisation, eine Ehe, ja die Menschheit an sich eine beseelte Zukunft haben wollen, bedarf es dazu eines besonderen Blicks auf das Leben und auf das Ganze. Das Eigene erkennen im Bezug auf das Umfassende lautet der Auftrag. Aber was ist das, das Umfassende?
Gemeint ist damit das Leben selbst im Rahmen seiner Möglichkeiten und Grenzen, seiner Bedürfnisse und all dessen, was es zu schenken hat. Aus der Gesamtschau heraus erwartet das Einzelne und Eigene immer nur das Recht und die Möglichkeiten, die ihm aus dem Wohl für das Ganze zufallen. Dieses Verhältnis vom Umfassenden zum Einzelnen findet sich schließlich in dem Verständnis von dem, was wir Vision nennen.

Die Vision orientiert auf ein Ziel hin. Sie beleuchtet den vor uns liegenden Weg. Sie hält in der Spur und spendet Energie. Wie der Nordstern in dunkler Nacht gibt sie den Suchenden Orientierung. Ohne diesen Stern, ohne ein leuchtendes Ziel, von dem auch die Seele berührt wird, erschöpft sich das Handeln schnell in einem Tun, das aus Routinen, Gewohnheiten und Orientierungen gespeist wird, die dem Vergangenen, der alten Welt entsprungen sind und daran kleben.
Visionen durchleuchten die Gegenwart im Vorzeichen des erstrebten Neuen. So erkennt der Mensch, ob er auf dem Weg ist oder droht, in eine Sackgasse zu münden. Unvermeidlich irritieren Visionen das Eingespielte, das Gewohnte und bis zu einem gewissen Maße Vertraute. Und sie stören damit auch jene, die von dem Althergebrachten und Gewohnten am meisten profitieren und deshalb Bestandswahrung zu ihrer höchsten Priorität erklärt haben.

Die gegenwärtige Krise der Menschheit hat, äußerlich betrachtet, ökologische, politische und ökonomische Facetten. Die Pandemie verschärft die Situation. In erster Linie jedoch ist der momentane Zustand Ausdruck einer evolutionären Krise, einer Krise des menschlichen Bewusstseins, einer Visionskrise. Die Menschheit weiß nicht, wohin sie will. Am Besten soll es so bleiben wie bisher, vielleicht mit ein bisschen mehr Verteilungsgerechtigkeit – vorausgesetzt, das wird nicht zu teuer. Vielleicht auch mit weniger Umweltbelastung – vorausgesetzt, das schränkt mich nicht ein in meinem Konsum und meiner Mobilität.
Alle Antworten, die wir für die nachpandemische Zeit hören, sind von erschreckender Visionslosigkeit. Sie orientieren sich an einem Wirtschafts- und Kulturverständnis des 20. Jahrhunderts. Manche Menschen, auch in der verantwortlichen Politik, spüren wohl die Chance, die in dem grundsätzlichen Gewohnheitsbruch liegt, der durch Covid 19 ausgelöst worden ist. Die angedachten Antworten lassen allerdings an keiner Stelle die Modelle, Vorschriften und Vorgehensweisen hinter sich, die uns dahin geführt haben, wo wir stehen. Und das betrifft selbst die sogenannten grünen Parteien.

Was könnte ein visionäres Bild zum Ausdruck bringen, das der Menschheit noch ein Zukunft lässt im Einklang mit Mutter Erde? In meinem kleinen Buch Aufstand für das Leben. Vision für eine lebenswerte Erde habe ich versucht, das zu umschreiben. Covid hat noch einmal eine zusätzliche Dringlichkeit ins Spiel gebracht. Wir sind nachdrücklich gebeten, uns neu zu entdecken und zu entwerfen.
Dazu einige sehr wenige und sehr selektive Gedanken, die unter dem Oberbegriff stehen: Dem Leben dienen!

Das Leben sei ein Fest, ein Eintauchen in den Harmoniestrom der untrennbar verwobenen Lebensprozesse auf unserem Planeten.
   Globalisierung meint dann das Bewusstsein der einen Welt in ihrer immer noch wunderschönen Differenzierung und Vielfalt. Es meint jedoch nicht länger die besinnungslose Hin- und Her-Raserei und ökonomisch-kulturelle Gleichmacherei. Das Besondere will gesehen und gewürdigt sein. Und dies betrifft nicht nur Politik und Ökonomie, sondern exemplarisch auch das touristische Erkunden von Welt. Als außerordentliches Geschenk dürfen wir es verstehen, nicht als einen der Reise-Gier entsprungenen Anspruch auf bezahlbare Selbstverständlichkeit. Behutsamkeit lautet das Credo hierfür.
   Wirtschaft und Finanzsystem erkennen den wesenhaft in ihnen liegenden, aber fast völlig verschütteten Grundanspruch: Es ist der Dienst am Leben und Zusammenleben aller Lebensformen. Geld hat keinen weiteren Sinn als dies zu unterstützen. Kooperation statt Wettbewerb folgt aus diesem Denken.
   Bescheidenheit und die Beschränkung auf das, was es zu einem Sein in Würde braucht, werden dann zum neuen Reichtum. Der maximale Gewinn heißt Einfachheit.

Für Solches ist gleichwohl die politische Repräsentanz weder bereit noch gerüstet. Um so wichtiger wird es deshalb, bei uns selbst zu beginnen, in der uns möglichen Konsequenz. Wir sollten bereit und mit uns in einer inneren Stimmigkeit sein, wenn eines Tages sich die alte und die sogenannte neue Normalität der nachpandemischen Zeit unausweichlich ausgeblutet haben. Bereit sein – das meint Beispiel zu geben und Wunder zu ermöglichen, die jenseits der allseits behaupteten Machbarkeit bzw. Unmöglichkeit liegen.
Nun mag man einwenden, dass mir wahrlich nichts besseres einfalle als die Hoffnung auf Wunder. Dem kann ich nur entgegnen, dass ich nicht auf sie hoffe, sondern sie erwarte. Und ich würde mit Augustinus von Canterbury (ca. 546-ca. 604) hinzufügen:
„Wunder stehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern nur im Gegensatz zu dem, was wir über die Natur wissen.“

Covid 19 ist als mächtiges, unerwartetes evolutionäres Signal, als Umkehr-Botschaft aus der Zukunft ein Anfang. Das Virus leistet gerade seinen Beitrag, um möglichen „Wundern“ den Weg zu ebnen bzw. den Raum für sie zu schaffen. Lebt die Vision einer lebenswerten Erde in uns, dann, aber auch nur dann vermögen wir an dem uns vom Leben zugewiesenen Platz das Vakuum einer Zeitenwende zu füllen.

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