Mythos „Objektivität“

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Gerade in Krisenzeiten erhebt sich der Wunsch nach einer unabhängigen und differenzierten Berichterstattung. Möglichst objektiv soll sie sein, also frei von subjektiven Einschätzungen und Bewertungen – spezielle Meinungsbeiträge einmal ausgenommen.
Was in der Wissenschaft immer wieder eine grundlegende Herausforderung darstellt, an der sich jede Forschung messen lassen muss, bleibt in Fragen und Zusammenhängen, die sich auf Gesellschaft, Politik und Kultur beziehen, ein zwar edler, aber uneinlösbarer Anspruch. Menschliches Sein ist standort- und standpunktgebunden, und zwar kulturell, zeitlich und sozial. Dem können wir nicht entkommen. Ich bin geprägt durch Land und Familie, in die ich hineingeboren wurde, durch Sprache, Bildung, das Geschlecht und das soziale Umfeld. Sie bestimmen meine Aufmerksamkeit, meine Orientierungen und meine Wahrnehmung. Und das gilt gerade für Menschen, die journalistisch und publizistisch tätig sind in besonderem Maße.
 
Warum wähle ich gerade dieses Thema?
Warum jene Quellen und Informanten?
Welche Maßstäbe lege ich bei der Einordnung und Beurteilung eines Ereignisses an, und hätten es auch andere sein können?
Warum erscheint mir dieser Aspekt hervorhebenswert und ein anderer eher zu vernachlässigen?
Welche Rolle spielen meine Empfindungen und Gefühle? Denn jeder Mensch hat zu jeder Zeit Empfindungen und Gefühle, die in seine Wahrnehmungen intervenieren.

Es kommt hinsichtlich vieler Begebenheiten erschwerend hinzu, dass diese in ein hyperkomplexes Umfeld eingebunden sind bzw. sich selber so vielschichtig darstellen, dass eindeutige Aussagen scheitern müssen. Auch konfrontiert uns die sogenannte Wirklichkeit permanent mit Ambiguitäten, also der Mehrdeutigkeit eines Sachverhalts, einer Lehre oder von sprachlichen Ausdrücken. Selten ist etwas so, wie es auf den ersten Blick erscheint, oder um es mit einem Graffiti auszudrücken, das mir begegnete: „Eigentlich ist die Wirklichkeit ganz anders“.
Wer etwa einmal in den „Genuss“ kommen kann, Zeugenberichte über einen Verkehrsunfall zu lesen, wird feststellen, dass er es bei sieben Zeugen mit sieben verschiedenen Unfällen zu tun haben scheint. Vergleichbares gilt für politische Unruhen oder Auseinandersetzungen bei Demonstrationen zwischen Polizei und Teilnehmer/innen.

Was bleibt dann noch für eine seriöse Berichterstattung, die laut Verfassung dem Anspruch genügen muss,
– eine informationelle Grundversorgung der Bevölkerung zu
leisten…
– in differenzierter Weise meinungsbildend zu wirken…
– ihre Kritik- und Kontrollfunktion hinsichtlich der staatlichen und
  nichtstaatlichen Institutionen und Organisationen
wahrzunehmen…
– die Interessen auch von Minderheiten zu artikulieren…
– integrierend für das Staatsganze zu wirken?

Es bleibt das, was wir tendenzielle Objektivität nennen können und damit das reflektierte und kommunizierte Bemühen um die Annäherung an ein Ideal.
Ich reklamiere keine Wahrheit, aber bin wahrhaftig. Dazu gehört ein hohes Maß an Selbstreflexion hinsichtlich meiner eigenen kulturellen, politischen und sprachlichen Vorprägungen. Sie hält mich in einem inneren Diskurs, in dem ich mich immer wieder nachjustieren kann. Ich versuche scheinbaren Eindeutigkeiten einen Blick gegenüberzustellen, der vielfachen Perspektiven Raum gibt. Ich stelle Transparenz hinsichtlich meiner Subjektivität her, was etwa Themenwahl, Quellenauswahl und Beurteilungsmaßstäbe anbelangt. Die Auskunft über verwendete Quellen und Recherchewege wird so zu einem Teil der Nachricht.

Schließlich gibt es für „Objektivität“, Multiperspektivität und Quellenvielfalt etwas, das noch immer gelegentlich übersehen wird: die demokratischen Grenzen, auch der Pressfreiheit. Friedens- und Demokratieorientierung sowie die Grund- und Menschenrechte stellen den allem übergeordneten Normenrahmen dar. Ihm hat jegliche Berichterstattung zu dienen, sie sich daran unmissverständlich und ausnahmslos zu orientieren.

Im Alltag des Berichterstattungshandelns errichten solche Ansprüche zweifellos manche hohe Hürde. Zugleich stellen sie aber in einer Zeit, in der Information zu den existentiellen Grundnahrungsmitteln einer Gesellschaft gehört, den unverzichtbaren Mindeststandard dar. Ansonsten würde die mühsam errungene demokratische und humanistische Kultur im Sumpf von Halbwahrheiten, Fake-News und Sensationalisierung erodieren.

Ausgangs-Quelle für diesen Blog: Platons Höhlengleichnis, siebtes Buch des sokratischen Dialogs Politeia  😉

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