Schulderklärung

clausAllgemein

Ein Gastbeitrag über Sprachlosigkeit, Scham
und Verantwortungslosigkeit angesichts der globalen Krise
Von Rüdiger Standhardt

Unser Leben findet auf dem historischen Hintergrund statt, dass von Deutschland aus im 20. Jahrhundert zweimal ein Weltkrieg ausgegangen ist und durch den zweiten Weltkrieg ca. 55 Millionen Menschen das Leben verloren haben. Hervorzuheben sind die Gräueltaten, die jüdischen Mitbürgern angetan wurden und besonders die sechs Millionen Juden, die in den Konzentrationslagern durch deutsche Menschen getötet wurden. Nachdem Ende dieser großen Tragödien gab es in unserem Land unendlich viel Sprachlosigkeit und Scham und nur wenige Menschen fanden selbstkritische Worte, wie beispielsweise einige evangelische Theologen, die die Stuttgarter Schulderklärung im Oktober 1945 formulierten. Viele Kinder der Täter fragten sich, ob die Menschen dieser Zeit nicht gewusst hätten, was in den Konzentrationslagern oder in Russland geschah. Und die Antworten waren, wenn es überhaupt Antworten gab, meist sehr unbefriedigend. Unsere schmerzliche Geschichte ist noch nicht zu Ende, sondern wirkt bis in unsere Zeit nach.

Heute im 21. Jahrhundert haben wir es mit einer Tragödie zu tun, die das Leben und Überleben an sich auf der Erde in Frage stellt!
Wir wissen seit Anfang der 70er Jahre von den „Grenzen des Wachstums“ und verfügen über genügend Informationen für die erforderlichen Veränderungen zum Erhalt unserer Welt. Uns ist bekannt, dass unser westlicher Wohlstand nur auf Kosten der sog. Dritten bzw. Vierten Welt möglich ist, deren Menschen wir gnadenlos ausbeuten. Wir wissen auch, dass durch die atomare Rüstung dieser Planet jederzeit und mehrfach in die Luft gesprengt werden kann. Wir verbrauchen täglich viel zu viele Rohstoffe, so dass ein würdiges und gesundes Leben nicht für alle Menschen möglich ist. Wir vernichten durch unsere Ausbreitung unzählige Lebensformen und gefährden durch unser wissentliches Nicht-Handeln das Überleben auf diesem „blauen Planeten“.

Auf dem Hintergrund, dass eine Zukunft für uns, unsere Kinder und Enkel mehr als ungewiss ist, bekennen wir:

  • Wir haben aus der leidvollen deutschen Geschichte nicht viel gelernt, sondern führen wie unsere Vorfahren ein angepasstes Leben in der Komfortzone. Viel zu oft haben wir uns an der gesellschaftlichen Sprachlosigkeit über die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen mitbeteiligt.
  • Wir erkennen schmerzlich unsere individuelle und strukturelle Verantwortungslosigkeit, die nicht dadurch besser wird, dass fast alle das Leiden der Menschen, Tiere und Pflanzen verdrängen und sich nicht für eine radikale, an die Wurzel gehende Veränderung zuständig fühlen.
  • Wir erkennen voller Scham, dass wir die letzten Jahrzehnte viel zu wenig genutzt haben, uns entschieden für eine Umkehr vom grenzenlosen Wachstum einzusetzen, obwohl wir mehr als ausreichende Kenntnis über die damit einhergehende ökologische Zerstörung und die Vernichtung so unzähliger Arten und Lebensformen hatten.
  • Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten mit allen möglichen Themen beschäftigt, aber viel zu selten mit der entscheidenden Frage, wie die globale Krise bewältigt werden kann und wie vor allem auch ein entschlossener Beitrag von uns selbst aussehen kann.
  • Wir fühlen uns schuldig über unser klagloses Einverstandensein mit Armut und Hunger in dieser Welt, über unser maßloses Konsumverhalten und über unser Unvermögen, in ehrlicher Weise das Gespräch mit anderen Menschen über unsere offensichtliche Selbstzerstörung zu suchen.
  • Wir erkennen, dass unsere eigene Bequemlichkeit und unser fehlendes bzw. viel zu schwaches Engagement mit dazu beigetragen haben, dass es mittlerweile eine Minute vor zwölf ist und uns nur noch sehr wenige Jahre bleiben, um einen grundlegenden Wandel einzuleiten, der nicht nur den nach uns kommenden Menschen, sondern dem Leben an sich Raum und Perspektiven für eine würdevolle Existenz bietet.

Kontakt: Rüdiger Standhardt, Forum Achtsamkeit,
Schützenstraße 61, D-35398 Gießen, info@forumachtsamkeit.de

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