Herbst des Seins

clausAllgemein

„Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten.
Sie fallen mit verneinender Gebärde…“
schreibt Rainer Maria Rilke in einem Gedicht und fährt fort:
„Wir alle fallen, diese Hand da fällt,
und sieh dir andre an, es ist in allen…“


Diesem Rhythmus des Lebens, der, von den Jahreszeiten her betrachtet, ein Werden, Vergehen und neu Werden ist, haben wir Menschen etwas hinzugefügt – die finale Vernichtung.

Über eines der gewaltigsten Massensterben der Erdgeschichte, vom modernen Menschen durch seine unersättliche Gier und seine gedankenlose Vermehrung verursacht, wissen wir mittlerweile eigentlich alles. Vor 66 Millionen Jahren setzte ein Meteor der Herrschaft und dem Leben der Dinosaurier ein Ende. Heute ist der Mensch selbst zu einer Art „Meteor“ geworden. 70 Prozent der Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien sind seit 1970 verschwunden, ausgerottet.
Soweit registriert und versteht es der Kopf, bleibt es zugleich aber noch immer abstrakt, erreicht es allenfalls auf Umwegen das Herz und die Gefühle. Die Eisbären auf schmelzenden Schollen sind weit weg, genau wie die brennenden Wälder am Amazonas. Eine perfekt funktionierende Ablenkungskultur tut das Übrige, um Bewusstsein zu vernebeln.

Am 9. September machte die Zeitung der münsterländischen Region, in der ich lebe, mit der Schlagzeile auf: „Die Fichte ist tot.“
Fichtenbestände wird es laut des Leiters des Regionalforstamtes Münsterland bereits 2021 nicht mehr geben. Buchen, Eichen und Ahorne folgen.
Fahre ich in meine hessische Heimat, führt der Weg an den dichten, einst wunderschönen nordhessischen Wäldern vorbei. Große Flächen sind abgestorben, anderen sieht man ihr Verkümmern und Vergehen an. Da spürst du einen Schmerz, der noch einmal anders ist als der bei einer zerbrochenen Beziehung oder dem Verlust eines Menschen. Es geht tiefer. Die Erde selber, die Mutter allen Lebens, ist nun betroffen. Sie kann ihre Kinder nicht mehr vor den Übergriffen von uns schützen. Und die „Politik“ debattiert über staatliche Verkaufsanreize für automobile Verbennungsmotoren und pumpt hunderte sogenannter Coronamilliarden in Industrien und Geschäftsmodelle, die wesentlich das Unheil mit zu verantworten haben. Aus dem Blickwinkel der alten Welt und damit auch dem der aktuell durch die Krise Betroffenen mag das angemessen und dienlich sein. Evolutionär betrachtet, ist es ein Desaster und wohl eine der letzten nun verschenkten Chancen.

Worauf können wir uns da noch grundlegend verlassen, außer vielleicht gelegentlich auf uns selbst und so manche Gefährtinnen des Weges?
Wo können wir einen durch Tun gefestigten ernsthaften Grund dafür erkennen, Vertrauen aufzubauen wider all den Irrsinn?

Mit dem Eis der Gletscher und der Pole schmilzt täglich begründete Hoffnung; mit den Regenwäldern verbrennt täglich etwas von dem Urvertrauen dem Leben gegenüber; mit den sterbenden Bäumen und Lebensformen um uns herum verabschieden sich unsere treuesten Lebensbegleiter.

Rilke schließt sein Gedicht mit den Worten: „…und doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“
Gilt dieser Trost noch im Herbst des Seins auf dieser Erde? Oder ist er einfach zu billig geworden, angesichts der Tatsache, dass das Leben selber fällt…

Dem Herbst des uns Menschen bekannten Lebens wird der Winter folgen und irgendwann vielleicht ein neuer Frühling. Insofern bleibt der Grundrhythmus des Seins auch in den Erdepochen wohl bestehen. Aber was wird das dann für eine Erde sein? Wem kann sie noch eine schöne Heimat bieten?

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