Der Trump in uns. Eine beiläufige Anmerkung

clausAllgemein

Seit Corona dem amerikanischen Präsidenten seine Verwundbarkeit gezeigt hat, ist die Schadenfreude groß. Und es sind sicher nicht nur gute Genesungswünsche, die Donald Trump derzeit begleiten. Noch nie hat ein führender westlicher Politiker dermaßen polarisiert, was nicht nur an seiner offiziellen Politik, sondern vor allem an seiner Persönlichkeit liegt.
Zahlreiche Aufsätze und Bücher sind über Trumps anscheinende Persönlichkeitsstörungen und seine charakterliche Unfähigkeit für das Präsidentenamt geschrieben worden, auch von namhaften Psychologen und Psychiatern. Man attestiert ihm u.a. grenzenlosen Narzissmus, eine geringe Schamtoleranz, Wut und Rachsucht, fehlendes Verantwortungsgefühl, Unehrlichkeit und Unfähigkeit zur Empathie. Die möglichen Folgen solcher Eigenschaften beschreibt die Psychoanalytikerin Bandy X. Lee: „Die Art und Weise, wie Trump auftritt, wie er politisch handelt, ist schockierend und löst ein ganzes Bündel von psychisch belastenden Gefühlen aus: Fassungslosigkeit, Scham, Wut, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Resignation, Sarkasmus.“

All dem mag ich nicht widersprechen, und doch beinhalten solche Schuldzuweisungen, wenn sie bei der ihnen zugrunde liegenden Analyse stehenbleiben, ein gravierendes Problem. Der Spalter wird selber gleichsam abgespalten, aus der Gemeinschaft der anscheinend guten und staatstragenden Bürger ausgeschlossen. Und dabei wird etwas übersehen: Trump kehrt nach Außen und bringt drastisch und auf die Spitze getrieben zum Ausdruck, was in unterschiedlichen Anteilen in der Menschheitsfamilie, in uns allen lebt; seien es Egomanie, Hang zum Narzissmus, Anerkennungssuche, Allmachtsphantasien, Rassismus, Rigorismus… Nur deshalb auch gehen so viele Menschen mit ihm in Resonanz, ja lieben ihn. Er stillt die Sehnsucht nach Extremen, nach klaren Entscheidungen, nach Abschottung von Bedrohungen, nach Vereinfachung auch der großen Politik in einer als unerträglich komplex, ungerecht und bedrohlich empfundenen Welt. Das ist in gewissem Sinne verständlich.

Trump macht diese Welt nicht schlechter. Er demaskiert vielmehr in vulgärer Weise, was sowieso da ist an Zerrüttung und Unruhe hinter den brüchigen, schläfrigen, bürgerlichen und zivilisatorischen Fassaden, die bloß noch der harmlosen Verwaltung des Bestehenden und einer Immer-weiter-so-Politik dienen. Und D. T. eskaliert das Versagen der alten Politiksysteme, etwa in Fragen der Klimapolitik, des Umweltschutzes, der Migration, chinesischer Hegemonialbestrebungen etc. Das macht ihn in den Augen seiner Verehrerinnen schon jetzt zu einem populären Mythos.
Trump ist immanenter Teil dessen, was versucht, ihn angewidert und mit Igitt-Rufen von sich zu weisen. Er lebt in der Machtfülle eines Unantastbaren das aus, was da ist. Und das sollte uns zu denken geben. So betrachtet kann der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika heilsam für die Menschheitsfamilie sein, gerade weil er nichts verbirgt, mit nichts hinter dem Berg h#lt. Als Spiegel eines Teils unseres Wesens mag man ihn so als rechten Mann zur rechten Zeit sehen; und auch in seinem Falle, wie bei Corona, als ein evolutionäres Warn- und Umkehrsignal. Wir lernen anscheinend nur durch das, was uns als unangenehm erscheint. Wenn man denn wirklich verstehen und lernen will…

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