Zwei: Ehrfurcht vor dem Leben

clausAllgemein

Die Welt kann nur entzaubert, das Leben nur dann missbraucht, Mutter Erde nur dort geschändet und entwürdigt werden – wo es an Ehrfurcht mangelt; der Ehrfurcht vor dem Leben, vor dem Sein und Werden. Erst mit ihr als grundlegender Haltung allem Sein gegenüber, beginnt das wesenhafte, das eigentliche Menschsein.

Man reservierte einst das ehrfürchtig Sein auf jenes hin, was den Bürger übersteigt – Gott, Vaterland, Kirche, außergewöhnliche Personen, Naturgewalten, herausragende Kunstwerke oder Bauten. Da erweist du deine Ehrerbietung, nimmst dich zurück, ergibst dich in Respekt. Und ein wenig mag in der ehrfürchtigen Haltung, vor allem anderen Menschen oder Institutionen gegenüber, dann immer auch Furcht mitschwingen und damit das Gefühl eigener Unbedeutendheit.
Das ist anders bei einer Berührung, die aus dem Staunen und der Ergriffenheit angesichts des Wunders der Evolution entsteht und aus dem ahnenden Spüren göttlicher Ursprungsenergie. Oft sind damit tiefe spirituelle Erfahrungen verbunden, in denen wir uns als Teil dessen wahrnehmen, was diese Ehrfurcht in uns auslöst.

In seiner Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“, die vor gut hundert Jahren erstmals das Licht der Öffentlichkeit betrat, hat Albert Schweitzer das Verständnis von Ehrfurcht neu erweckt. Und er hat es transzendiert, entgrenzt, indem er es auf das Leben an sich bezog und entsprechend anmahnte. Alles Leben ist heilig, ruft uns der große Menschheitslehrer zu.
Die Ehrfurcht vor dem Leben ist die Basis für eine Welt, in der sich solidarisches und liebendes Miteinandersein nicht länger auf Zwischenmenschlichkeit beschränken, sondern das Sein an sich umfassen. Grundlegender wäre nie ein evolutionärer Schritt des Menschen gewesen. Auch wenn fast nichts dafür spricht, aus dem Konjunktiv zu treten und diesen Schritt als gesamte Menschheit wirklich zu gehen; für jeden einzelnen von uns bleibt er die ultimative Aufforderung, sein Mögliches in diese Richtung zu tun. Um der Liebe, des Überlebens unserer Spezies und unzähliger Arten willen – und nicht zuletzt um unserer Selbstachtung. Damit soll keiner Individualisierung von Politik das Wort geredet werden. Aber wir kommen an der Einsicht nicht vorbei, dass die wahren Frontlinien im Zugriff auf Zukunft in uns selbst verlaufen. Hier muss die Bewusstseinsrevolte auf das Leben hin deshalb beginnen.

Ehrfurcht – etwas Geheimnishaftes ist mit ihr verbunden. Wir staunen, sind überwältigt, angerührt, wollen es verstehen. Was uns dabei in Unruhe hält, uns immer weiter suchen lässt, ist der zur Entwicklung drängende Wille selbst, aus dem alles Leben hervorgeht und sich formt. In der Ehrfurcht vor diesem Werdens- und Entwicklungsimpuls anerkennen wir seinen alles überstrahlenden Wert. Er führt in die unbedingte Bejahung des Seins, ohne zu klassifizieren und in höher oder nieder, wert oder unwert zu unterscheiden.


„Die Flocke, die bist du. Überall, wo du Leben siehst – das bist du“ (Albert Schweitzer)


So entsteht eine universale Ethik, ja die universale Erscheinung und Form der Liebe. Sie grenzt nicht aus, sie integriert. Humanismus weitet sich zum Universalismus, neigt sich zu allem, was lebt, was ist. Als richtunggebend hin zum Leben und zum Tun lässt diese Liebe sich verstehen. Sie wirkt als Impuls der ganzen Seele und ist unteilbar.

An die Seite der Ehrfurcht tritt die Demut. In ihr schauen wir auf das Wunder des Lebens, auch in seinen zartesten Regungen, empor.
Wahre Demut hat nichts mit religiöser Unterwürfigkeitsmoral oder Sklavenbewusstsein zu tun. Sie ist aus dem tiefem Respekt vor dem Wunder und der Größe des Seins entstanden. Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung sind ihr fremd. Sie ist eine ganz eigene und wunderbare Kraft, kein Defizit! Demut steht für die Anerkennung und Akzeptanz der personalen Grenzen, und sie steht für die Einsicht, dass es immer eine Differenz zwischen dem Ideal und den eigenen Möglichkeiten gibt. Gleichzeitig stellt sie das im Menschen strahlende Licht nicht unter den Scheffel, blockiert nicht die in ihm ruhende und auf Befreiung wartende Potentialität.

Demut steht im Dienst am Ganzen. Ich wende mich aktiv dem anderen Leben zu, ermutige es, baue es auf. So wird die eigene Demut zur Energie des anderen Lebens, zur Energie des so vielgestaltigen Du.

In der Hingabe findet die Demut ihre Vollendung. Der Mensch bricht mit der Fehlsicht, sein Leben ganz aus den eigenen Kräften heraus gestalten und bewältigen zu können. In Verbindung mit Vergebung und Loslassen macht Hingabe das möglich, was wir Erlösung nennen. Denn im Grunde richtet sich alles Hingeben auf das Absolute in seinen unterschiedlichsten Erscheinungs- und Lebensformen, und damit auf den Urgrund, auf unsere eigentliche Heimat. Hier finden wir das Vertrauen und den Halt, um auch im Angesicht existentieller Krisen und notwendiger, vielleicht sehr schmerzlicher Entscheidungen, trotzdem Ja zu sagen.

Was folgt daraus?
Wir haben aus der Haltung der Ehrfurcht einen Boden des Ethos und der Sittlichkeit betreten, in dem wir die Heiligkeit des Daseins als unantastbar erkennen und respektieren. Von dieser Bestimmung überzeugt, verbietet es sich forthin, bewusst schädigend in Prozesse des Lebens einzugreifen. Die Verantwortung ist ins Grenzenlose erweitert. Diese Ethik des Lebens, deren Fundamente wir Albert Schweitzer verdanken, gilt absolut. Vor ihr haben keine relativen Ethiken und keine Systemethiken Bestand. Sie steht über den Sätzen der Propheten und über den Gesetzen der Staaten.

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