Drei: Geschwisterlichkeit

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Die Ehrfurcht vor dem Leben verändert die Haltung und die Weise, mit denen wir anderem Leben begegnen. Geschwisterlichkeit ist dafür der rechte Begriff. Ihn gilt es nun neu bzw. entsprechend weiterzudenken.
In herkömmlichem religiösem Verständnis meint er die liebende Zuwendung auch zu den Menschen und Menschengruppen, mit denen wir nicht verwandtschaftlich verbunden sind. Für sie übernehmen wir Verantwortung, erweisen uns solidarisch, über alle Barrieren und Grenzen hinweg. Dahinter steht die Einsicht, dass alle Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit eine große Familie bilden, die von demselben Planeten genährt werden, dieselbe Luft atmen, Wärme unter derselben Sonne finden. Geschwisterlichkeit beendet Rassismus und Diskriminierung. Eine ihrer wesentlichen Grundhaltungen beruht darauf, das Vorhandene gerecht zu teilen und nicht auf den eigenen Vorteil zu Lasten anderer zu sinnen.

Von dem Gedanken der Geschwisterlichkeit kommend, lassen sich lebensorientierte Visionen, die das bereits jetzt Mögliche, und das zwar Erstrebte, aber noch nicht Verwirklichte, zusammenführen, begründen und verstehen. Es geht eben um mehr als eine Existenz nur für uns selbst. Aus gemeinschaftlichem Geist und nicht einer Ansammlung von Individuen wächst der Erdenraum zu einem lebendigen Gemeinwesen. Nur so werden die Kräfte freigesetzt, die wir benötigen, um eine Ahnung vom Möglichen bereits in diesem Moment zu bekommen – etwa um im schlimmsten Leid zu trösten und zu heilen, Wärme und Geborgenheit zu schenken, um Widerspruch und Widerstand anzumelden an der Übermacht von Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung.

Soweit, könnte man sagen, sprechen wir von einer humanistischen und religiösen Selbstverständlichkeit. Beispielhaft wurde sie von Papst Franziskus in der Enzyklika Fratelli tutti am 3. Oktober 2020, dem Todestag des Franz von Assisi (1181/82-1226), in Assisi unterzeichnet.
Dieses Verständnis ist der erste Schritt. Nicht nur die Lebensethik weist uns den zweiten. Schon etwa der „Sonnengesang“, das wunderschöne Gedicht/Gebet des Franz von Assisi, bringt im Lobpreis der Gestirne, der Elemente, von Mutter Erde und ihrer Kinder, das notwendige, die ganze Schöpfung umfassende, Verständnis ins Wort. Geschwisterlichkeit in diesem Bewusstsein, knüpft an das Wissen darum an, dass die Erde ein Lebewesen ist, Gaia, wie sie die Griechen in der Antike nannten. Noch weitergehend formuliert: Der ganze Kosmos ist unser Leib.
Damit haben wir nun das Leben an sich, über evolutionäre und über Gattungsgrenzen hinweg, im Blick. Die Schöpfung umarmen, ist das Grundgefühl der Geschwisterlichkeit.

Das führt zu einem grundlegend erweiterten Verständnis auch von Gerechtigkeit. Bislang haben wir Menschen uns, etwas selbstverliebt, viel mit den Rechten beschäftigt, die uns nur selber betreffen. Das zentrale Dokument all dieser ehrwürdigen Bemühungen ist die Allgemeine Menschenrechtserklärung, die am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Heute nun gilt es ernst zu nehmen, dass vom Geist umfassender Verbundenheit her kommend, das Leben in all seinen Äußerungsformen Schutz, Pflege und Ermöglichung bedarf. Der Gedanke der Gerechtigkeit bezieht sich somit auf dieses weite Feld und nicht mehr nur auf das menschliche Leben. Zwar ist diese Forderung in sich selbst hinreichend begründet und bedarf keiner weiteren Rechtfertigungen. Doch deren alles überragende Dringlichkeit sollte uns Menschen auch allein schon aus Selbstschutzgründen einleuchten – wird uns doch täglich schmerzlicher bewusst, dass die Verletzung der Würde von Boden, Pflanze, Tier und den Elementen auf uns selbst zurückfällt und die Verwirklichung auch der Menschenrechte dramatisch mindert. Es ist überfällig, die Menschenrechtserklärung in eine „Allgemeine Erklärung der Lebensrechte“ zu überführen. In meinem Buch Aufstand für das Leben. Vision für eine lebenswerte Erde habe ich einen entsprechenden schlichten Vorschlag formuliert, der den Original-Text an zwei Stellen erweitert (fett):

„Da die Anerken­nung der ange­bore­nen Würde und der gleichen und unveräußer­lichen Rechte aller Mit­glieder der Gemein­schaft der Men­schen und des Lebensnetzes auf dieser Erde insgesamt die Grund­lage von Frei­heit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet,
da die Nich­tan­erken­nung und Ver­ach­tung der Men­schen­rechte und der Lebensrechte insgesamt zu Akten der Bar­barei geführt haben, die das Gewis­sen der Men­schheit mit Empörung erfüllen……“

Hinsichtlich der Frage, wohin wir wollen, wäre ein solcher Schritt auf die Würde des Lebens, nicht nur die des Menschen zu, ein Quantensprung.

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