Sieben: Getragen vom Strom der Weisheit

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Aus welchem Reservoir schöpfen wir, wenn wir nach Antworten auf die Frage suchen, wohin wir wollen? Es ist das Meer, der unendliche Ozean der Weisheit. Alles ruht ausgesprochen und unausgesprochen in ihr.
Im biblischen Buch Sprüche ( 8, 22–31) steht geschrieben:
Bevor die Welt geschaffen wurde, war ich da. Ich, die heilige Weisheit.
Ich war da von Anfang an, von Ewigkeit zu Ewigkeit…
Ich, die Mutter alles Lebendigen. Ich bin die Mutter des Gottes…
Wohl denen, die in meinen Wegen wandeln!
Wer mich findet, der findet das Leben, wer an mir vorübergeht,
der verletzt seine Seele. Alle, die mich hassen, lieben den Tod.“


Weisheit ist der Nordstern, der auch in dunkler Nacht die Richtung vorgibt. Sie lebt nicht als ein Bestand im Menschen. Vielmehr stellt sich der bewusste und von Sehnsucht erfüllte Mensch in ihren überzeitlichen Strom. Er führt die Weisheitsenergie immer wieder neu in die Herausforderungen sich wandelnder Gegebenheiten auf der Erde, ohne dass dadurch die Essenz des Weisheitlichen verändert würde. So wird sie zum letzten Halt, der immer verbleibt, Fels in der Brandung.
Weisheit schenkt uns einen überzeitlichen, tiefenkulturellen und evolutionären Blick. Sie führt in die Gelassenheit aus der Vogelperspektive. Mit ihren Augen prüfen wir anstehende Entscheidungen, dringlich scheinende Kurskorrekturen und auch notwendige Einordnungen und Urteile, was das Geschehen in der Welt anbelangt. Was zeichnet sie dabei aus?

Es handelt sich um eine besondere Weise des Empfindens, des Erkennens und Verstehens von Welt. Mit den Inhalten und kulturellen Dimensionen der großen Weisheitslehren, wie wir sie formuliert in den religiösen Schriften und philosophischen Meisterwerken finden, präsentiert sich eine umfassende Sicht auf das Sein, Werden und Vergehen von Mensch und Kosmos. Es ist dabei die Grundlegung und Autorität zum Teil Jahrtausende alter Überlieferungen, die diesen souveränen Blick ermöglichen. Damit der Mensch nicht vorzeitig an den Bedingungen scheitere, die ihn umgeben, stellt ihn die Weisheit also in die notwendige Distanz zu der Verfangenheit im Moment und zu den Wahrnehmungsbegrenzungen, die in der Situation liegen.

Der gewaltige Bogen der Weisheit umfasst Immanenz und Transzendenz, Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit. Trotz aller kulturellen Unterschiedlichkeit in unserer Welt ruht dieser Bogen auf den Säulen der Tugenden, die für Gutheit und Lebensdienlichkeit des Handelns stehen. Wir können also nicht von Weisheit und der mit ihr verbundenen Erkenntnis sprechen, ohne dass die Tugenden zugleich mitbedacht sind. Weisheit kann damit selbst als die übergeordnete Tugend gesehen werden, die alle Einzeltugenden in sich vereinigt.

Die herausragende Bedeutung, die der Weisheit für das menschliche Sein zugebilligt werden kann, hat sie in den verschiedensten Traditionen auf unserer Erde seit je in eine Sonderrolle gehoben. Im asiatischen Kulturraum stützen sich vor allem der Hinduismus, der Buddhismus und der Taoismus auf die alles überstrahlende Relevanz entsprechender Erkenntnis. Für die Hemisphäre der abrahamitischen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam kann diese Ausnahmestellung der Weisheit gleichfalls reklamiert werden. Zu denken ist etwa an die Stellen in der hebräischen Bibel, dem so genannten Alten Testament, in der die heilige Weisheit als Gottes Erstling vor aller Schöpfung dargestellt wird, wie dies im obigen Zitat aus dem Buch Sprüche zum Ausdruck kommt. Oder führen wir uns die Wesensähnlichkeit von Heiliger Weisheit und Heiligem Geist vor Augen. Nach neutestamentlicher Auffassung ist Jesus Christus die Person gewordene Weisheit des Göttlichen, was in der Aussage mündet, dass er denjenigen verkörpert, „in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis.“ (Kolosser 2,3) Auch der Koran ist gefüllt mit Weisheitsimpulsen und den entsprechenden Ermahnungen zu einem in der Weisheit und damit der Gottgefälligkeit stehenden Leben.

Die Weisheit ist die 7, Alpha und Omega, die Quelle und Vollendung zugleich. Wenn wir das anstehende Hindurch bewältigen wollen, dem Pfeil aus der Zukunft folgend, der uns den Weg zur wahren Menschwerdung zeigt, dann wird dies nur in einer von Weisheit erfüllten Menschheit denkbar und möglich sein. Das mag verdeutlichen, welche Herkulesaufgabe vor uns liegt und in welchen Zeitdimensionen wir dabei wohl rechnen müssen. Ein Zurück gibt es nicht, genau so wenig wie eine Rettung der alten, uns vertrauten Welt. Aber immerhin: Alles ist im Raum der Weisheit immer schon vorhanden. Es will nur erkannt, ergriffen und zu Leben geformt werden.

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