Epilog

clausAllgemein

„Hindurch werden wir nur kommen, wenn wir wissen, wohin wir wollen.“

Dieses Zitat von Martin Buber war der Ausgangspunkt für das Auffalten der sieben Lebenshaltungen, die den Menschen und die Menschheit auf einen entsprechenden Weg führen und ihn darauf halten können. Zu wissen, wohin wir wollen, sollte allerdings nicht mit der Existenz eines anpeilbaren Zielpunktes verwechselt werden. Es geht vielmehr um einen heilenden Prozess, weswegen wir auch von den sieben Haltungen sprechen und nicht von irgendwelchen Bedürfnisse oder Wünschen. Was wie ins Leben treten will, zeigt sich in der Bewegung. Der Blick öffnet sich im Zugehen auf den Horizont einer Weltgemeinschaft, die der Würde des Lebens ihre Referenz erweist.

Die sieben Seins-Haltungen und das darauf bezogene Denken, Empfinden und Handeln, verfeinern das Feld des Geistigen auf dieser Erde. Nun kann auch ein umfassendes geistiges Gewebe leben, welches das menschliche Gewissen auf eine neue, noch sensiblere Ebene heben wird. Gewissen ist dann nicht mehr „nur“ ein intuitiver Impuls, sondern es gründet darüber hinaus auch auf einer lebensdienlichen Vernunft und Spiritualität. Jeder einzelne Mensch und jede noch so kleine Gruppe sind hierbei von außerordentlichem Belang.

Albert Schweitzer: „Es ist kein Kreis zu klein, dass nicht das Größte drin gewirkt werden könnte, und keine Kraft, die in Wahrhaftigkeit und Gottvertrauen tätig ist, geht verloren.“

Es kann ergänzt werden, dass auch solche Gedanken und Energien nicht verloren gehen, die nie die Chance hatten, den Raum der Öffentlichkeit zeitnah zu betreten. Manchmal kommt ihre Stunde später, manchmal völlig unverhofft; manchmal ruhen sie still vor sich hin, manchmal verwelken sie langsam im Strom der Zeit. In jedem Falle hinterlassen sie Spuren im Geistes- und Bewusstseinsfeld dieses Planeten.

Die Kulturgeschichte ist voll von den Geschichten einzelner Menschen und kleiner Gruppen, die große Transformationen in Gang setzten oder den letzten Ausschlag für einen Systemwandel gaben. Gerade in den gegenwärtigen Zeiten mag uns dies Mahnung, Hoffnung und Zuversicht zugleich sein. Niemand weiß, wie viele derer es bedarf, die zur rechten Zeit, in rechter Energie, am rechten Ort den heilenden Wandel auf der verwundeten Erde bewirken können. Denken wir etwa nur an die junge, schwedische Frau namens Greta, die mit einem Pappschild und eisernem Willen allein vor ihrer Schule saß.
Und so gilt es, nicht auf Zahlen zu schauen, nicht zu zögern und nicht zu zagen, sondern zu beginnen, schon jetzt den Traum und das ersehnte Ideal zu leben – in der mir jeweils möglichen Eigenheit und Konsequenz. Potentialität ist immer da, in jedem Moment. Die Luft ist immer kairoshaltig. Schon allein das gibt Grund für eine tiefe Dankbarkeit.

Mancher Aufbruch begegnet Kraftlosigkeit, Unvermögen, Ohnmacht. Das Bewusstsein, an Grenzen geworfen zu sein, stößt unbarmherzig auf die Tatsache, dass es an dem Punkt, an dem wir angelangt sind, nicht weitergeht; nicht mit den bekannten Mitteln, nicht auf den vertrauten Wegen.
Ohnmacht, genau wie Scheitern, konfrontieren den Menschen mit Grenzerfahrung. Das erscheint zunächst als Defizit. Doch nur so lerne ich, jene Tiefe des Seins zu erkennen und zu spüren, die jenseits jeder Grenze liegt bzw. weit über sie hinausweist. Erst dadurch wird es möglich, sich angemessen in das Sein zu entfalten und es zu gestalten. Die Konfrontation mit der Ohnmacht ist zugleich ein Zeichen für das Mögliche. Es beginnt mit dem Erkunden und Ausloten der Gründe für mein Ohnmachtsbefinden. Ich stelle die alten Ziele, die alten Wege und das alte Problembewusstsein in Frage. Und ich lerne, dies zu kommunizieren. Nun öffnet sich der Raum, damit neue Perspektiven durchscheinen können.
Mit dem Zugeständnis der Schwachheit und der Ohnmacht, in Verbindung mit dem Drang, beides in seinen Gründen zu verstehen, kommen wir bei uns an. Menschen lernen in jenen Kräften zu ruhen, die ihnen wirklich eigen sind. Jetzt sind sie an dem Punkt, zu erspüren, dass diese Kräfte nicht vereinzelt, sondern Teil eines unendlichen Kraftstromes sind, der jedes Leben umgibt und trägt; auf jeweils seine Weise und seine Intensität.

Mit dieser Einsicht und einer entsprechenden Erfahrung kann eine neue Offenheit, Freude am Unbekannten und am Abenteuer entstehen. Das hält auf dem Weg. Und kein Ort wird dann das ultimative Wegende sein.
Das Vertrauen in unsere eigene Fähigkeit und Bereitschaft zur konsequenten Neuausrichtung führen immer wieder neu in die angemessenen Richtung. Dabei ist ein letztes metaphysisches, ein Urvertrauen in das Unerkannte und nicht Voraussehbare nicht nur hilfreich, sondern wohl unverzichtbar. Wie Hilde Domin einmal schrieb:

Ich setzte den Fuß in die Luft,
und siehe, sie trug.

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