Ich habe es geahnt…

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„Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus.“ (Alexander von Humboldt, 1769-1859)

Da lebt so eine Ahnung, dass etwas auf einen zukommt. Sie breitet sich als diffuses, vages Vorgefühl in unserem Gemüt aus, das kaum zu unterdrücken ist.
Manchmal wird die Ahnung Wirklichkeit. Ein anderes Mal stellen wir fest, dass wir uns mit ihr wohl doch getäuscht haben. Aber selbst dann hatte sie eine Wirkung. Wer eine Vorahnung hat, ändert durch sie möglicherweise sein Verhalten bzw. seine Einstellung und damit den Verlauf des Geschehens. Genau das mag dann bewirken, dass das Erahnte nicht oder anders eintritt. Man könnte in diesem Fall also von einer self destroying prophecy sprechen, einer Prophezeiung, die gerade dadurch nicht zur Wirklichkeit wird, weil ich mir ihrer bewusst bin und dies auf mein Verhalten einwirkt.  

Wir können die Ahnung aus verschiedenen Blickwinkeln anschauen, je nachdem, worauf sie sich bezieht.
Im alltäglichen Geschehen gründet sie wohl in den meisten Fällen in Vorerfahrungen, die zu einer begründeten Vermutung und einem Erspüren jenes Zukünftigen führen, das sich in einem verwandten Erfahrungsbereich bewegt. Das ist vergleichbar mit Intuitionen, die sich aus einem reichen Schatz an Wissen und Erfahrungen speisen.

Ahnungen formen sich aber auch aus Informationen, die dem Unterbewussten entstammen. Sie erwachsen aus diffusen Sorgen oder Ängsten, die sich in konkreten Situationen zu düsteren Erwartungshaltungen verdichten. Als Fortführung unserer Seinsangst ins Zukünftige, behindern sie Wahrnehmung. Sie verkleinern damit den Raum für das, was an sich möglich werden könnte. Denn die Bandbreite an Optionen tritt eben nur eingeschränkt in mein Blickfeld, wenn Ahnungen meine innere Orientierung und Ausrichtung beherrschen.

Das Menschengeschlecht kennt Ahnungen, die gleichsam aus dem Dunkel aufsteigen und die dem kollektiven Bewusstsein und dem kollektiven Unbewussten entstammen. In ihnen gerinnen die Erfahrungen, die Schicksale und die Weisheit von Epochen zu überpersönlichen Mahnzeichen. Tief ragen sie in die Gegenwart hinein. Wir alle tragen dieses Menschheitswissen und diese Menschheitserfahrungen in uns, mal bewusst, doch zumeist unbewusst. Denn jeder Mensch ist Teil des planetarischen Gedächtnisses und der grenzenlosen Weltseele.
Ahnungen vermögen aber auch, uns aus einem von Erfahrung völlig freien Raum zu berühren. Sie wehen uns gleichsam an, brechen unvermutet in das Bewusstsein ein. Wie aus einer anderen Dimension erscheinen sie uns, wie ein Fingerzeig aus der Zukunft. Man mag dies als Hinweis darauf sehen, dass es ein „Wissen“ geben muss, das vor dem eigentlichen Wissen liegt, eine „Wirklichkeit“ vor jener, die wir als Wirklichkeit erkennen und definieren. Jede Ahnung hat so betrachtet eine tiefere Wahrheitsebene. Diese gilt es geistig zu erspüren, mit einer sich wirklich einlassenden Zuwendung und Offenheit. Verstehen wir den Kern der Ahnung, erhalten wir Zugang zu dem Ursprungsland, das hinter den uns erscheinenden Impressionen liegt. Die Ahnung wird so zum Verbindungsbogen zwischen beiden.
Ahnungen lassen sich nicht zwingen. Sie können nicht gemacht werden. Wir erfahren sie ohne das eigene Zutun. Sie liegen zunächst im Zwielicht von Wahrheit und Klarheit, zwischen Evidenz und Metaphysik. Kennzeichnend für sie ist, dass sie mit einem Erspüren einhergehen, vergleichbar mit jener Körperwahrnehmung, die wir als sogenanntes Bauchgefühl von intuitiven Prozessen kennen. Das leibliche Empfinden mag damit zusammenhängen, dass es sich weniger um Wissens- als vielmehr um Seelenenergie handelt. In deren unendlichem Feld registrieren wir eine Schwingung, mit der wir in Resonanz gehen. Zumeist ist, unserer Seinsangst geschuldet, deren Energieform dunkel. Wir sprechen von einer dunklen Ahnung. Es klingt ein mögliches Verhängnis mit. Doch es kann durchaus auch, unserer Sehnsucht nach Heil folgend, um den Durchbruch von Licht gehen.

Das Ahnen öffnet den Raum einer Möglichkeit, einer Wahrscheinlichkeit vielleicht sogar, aber in jedem Fall noch nicht den einer völlig unabänderbaren Wirklichkeit. Das kann im Einzelfall von großer Bedeutung sein. Denn auf das lediglich Mögliche, in gewissem Grade Wahrscheinliche oder Befürchtete oder Erhoffte, kann ich vor seinem Inkrafttreten noch Einfluss nehmen. Vielleicht ereignet es sich dann nicht oder nicht so, wie befürchtet; vielleicht ist das sogar der notwendige Impuls, um dem Ersehnten auf die Sprünge zu helfen. Die Kommunikation der Ahnung hat hier eine herausragende Bedeutung. So wie bei einer Angst verändert sich diese bereits in dem Moment, wo ich sie anspreche, erläutere und ausmale. Ab diesem Zeitpunkt steht das mit der Ahnung Verbundene als ein Bewusstsein und damit als eine eigene Wirklichkeit im Raum, mit der man arbeiten kann, auf die wir bis zu einem gewissen Grade Einfluss nehmen können.

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Ich ahne, mein ganzes Gefühl sagt mir, dass Covid 19 als Verhängniskraft nur ein Vorbote ist, hinsichtlich der sich drohend nähernden Koinzidenz von Klimadesaster, Artenvernichtung, massiven Kriegen um Boden, Wasser und Ressourcen und unserer grundsätzlichen pandemischen Verletzlichkeit. Verletzbarkeit gab es zwar schon immer. Sie ist dem Leben beigegeben. Doch sie wird uns stetig wachsend in neuer, für die Menschheit geradezu existentieller Dimension begegnen… weil wir die fundamentalen Gesetze des Lebens mit Füßen getreten haben; und weil wir das wissen und trotzdem weiterhin unserer unsolidarischen und lebensverachtenden Bequemlichkeit erliegen. Da mag es eines Tages ein schwacher Trost sein, wenn wir uns eingestehen müssen: Ich habe es ja geahnt.

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