Wunder und Wirklichkeit

clausAllgemein

Wunder stehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern im Gegensatz zu dem, was wir über die Natur wissen.
(Augustinus von Canterbury, 546-604)

Wunder gelten als weitestgehend unerklärliche Vorkommnisse, zumindest, wenn wir den Maßstab rationaler, wissenschaftlich gehärteter  Vernunft anlegen. Auch lassen sie einen alltäglichen Erfahrungsbezug vermissen. Dass sie sich ereignen, ist zwar höchstgradig unwahrscheinlich, doch kommt es dazu, sind sie sehr real. Etwas, das man sich so nicht vorstellen konnte bzw. an das man nie zu glauben gewagt hätte, passiert trotzdem, wie von einer Hand geführt, die aus einer Anderswelt hinüber in unser Leben greift.

Wie es scheint, kann „Wunder“ nicht weltimmanent gedacht und verstanden werden. Es setzt eine zweite bzw. mehrere andere Wirklichkeiten voraus als nur die eine, die wir normalerweise wahrzunehmen in der Lage sind. Das Wunder ist, so betrachtet, eine Intervention, die vorübergehend das außer Kraft setzt, was wir als Naturgesetze bezeichnen bzw. was wir bislang von dem verstanden haben, was Welt und Wirklichkeit genannt wird.

In der Geschichte der Religionen, und hier insbesondere des Juden- und des Christentums, nimmt das Wunder eine außerordentliche Rolle ein. In ihm zeigt Gott seine Größe, gibt Zeichen von sich und seinem Wirken, in dem er die Wahrnehmung der Menschen auf das Unglaubliche richtet. Wunder sind in diesem Sinne keine Form von Magie, die beeindrucken soll, sondern dringliche Hinweise: Das „Reich Gottes“ ist immer in deiner Nähe! Vor allem das Johannes-Evangelium orientiert in diese Richtung.
Wir sollten hier außer acht lassen, dass auch das wunderhafte Geschehen nicht seinem Missbrauch entkommen kann. Dieser liegt immer dann vor, wenn Geschehnisse instrumentalisiert und manipuliert, ja konstruiert werden, um vorgeblich höheren Willen oder die Heiligkeit einer Person zu reklamieren.

Man sagt, dass den das Wunder immer fände, der seinen Glauben daran nie verriet. Es gibt so vieles, was das Aug nicht sieht. Mitunter aber weiten sich die Wände. Und diesem Wunder sind wir hingegeben.
(Alexander von Bernus)

Man würde dem Wunder nicht gerecht, wäre man nicht bereit, die sehr spezielle Beziehung zur Wahrnehmung des Menschen herzustellen. Schlicht formuliert: Was für die eine ein Wunder, das erschüttert und verzaubert, ist für den anderen ein netter Zufall. Wahrnehmung ist hier der steuernde Impuls. Die Sichtweisen der Menschen sind es, die dem Geschehen seine Bedeutung verleihen. Sie vermögen dem Geschehen eine Wirklichkeit zuzuweisen, die nicht zu leugnen ist. Und so gilt es unterschiedlichste Wirklichkeitszustände in Gleichzeitigkeit zu akzeptieren, so wie die Quantentheorie uns lehrt, dass Licht zugleich Welle und Teilchen sein kann.

Es mag eines fernen Tages das heute „Wunder“ genannte als eine den Menschen selbstverständlich umgebende Wirklichkeit erkannt werden, die lediglich mit dem „Makel“ einer gewissen Unwahrscheinlichkeit behaftet ist. Je selbstverständlicher aber dieser Weltausdruck uns wird, desto schärfer mögen sich auch die Wahrnehmung für entsprechende Ereignisse und ein entsprechendes Erkennen entwickeln. Vielleicht nimmt die Menschheit ja so irgendwann die ganze Schöpfung als ein geradezu unglaubliches Wunder wahr…

Gleichzeitig stellt sich konterkarierend eine andere, vielleicht wesentlich relevantere Frage: Viel deutet nämlich darauf hin, dass die kommenden Generationen dem, was wir heute noch Wirklichkeit nennen, wesentlich distanzierter gegenüberstehen. In ihrem Bewusstsein wird sich die virtuelle, computergenerierte Realität mehr und mehr zu einer manifesten Wirklichkeit formen – und damit Schritt um Schritt zur Wirklichkeit selber entwickeln!

In dieser Wirklichkeit kannst du Wunder programmieren. Was schert dann noch ein kollabierender Planet, wenn in der Wahrnehmung und Verfügbarkeit ein unermessliches Paradies lebt, das du jederzeit so gestalten kannst, wie es deinen Sehnsüchten und Bedürfnissen entspricht.

Wirklichkeit ist eine Frage des Bewusstseins, nicht der von messenden Apparaten. Und deshalb wird die Wunderfrage nie abstrakt und absolut beantwortet werden können. Jeder Mensch in jeder Sekunde hat dazu einen eigenen Zugang…

„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“
(David Ben Gurion, erster Ministerpräsident des Staates Israel)

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