Zum Gipfel führt nur die Geduld

clausAllgemein

Es zeichnet den Menschen im Gegensatz zur Natur aus, dass ihn oft Eile und Unrast treibt, um Notwendiges und Gewolltes zu erlangen. Dabei ist er selber, wie uns Christian Morgenstern lehrt, ein Exempel der beispiellosen Geduld der Natur. Und das in doppeltem Sinne: Einmal brauchte das Leben auf der Erde viele Millionen Jahre, um Homo Sapiens hervorzubringen. Zum Anderen verwundert das lange Stillhalten der Natur gegenüber der Schändung, die sie durch ihr unersättliches Kind erfährt. Das allerdings hat sich mit Covid 19 und dem Klimawandel begonnen gründlich zu ändern.

Der Natur sind evolutionär bedingte Rhythmen eingegeben. Der Mensch der Neuzeit erzeugt demgegenüber Systeme und Strukturen, die sich auf Geschwindigkeit um ihrer selbst willen, grenzenloses Wachstum und schnellen Erfolg stützen. Dem Klang des Lebens ist solches wesensfremd. Es bringt Ungleichgewichte bei Mensch und Natur hervor und fordert bei beiden Opfer, die das Netzwerk des Lebens schwächen.
Der Antrieb, etwas haben zu wollen, etwas zu erreichen, zu Neuem durchzubrechen, macht viel des gegenwärtigen Menschseins aus. Es ist entscheidend verantwortlich für das, was Fortschritt meint und was von Segen und Fluch vergleichbare Anteile hält. Vor allem aber ist es ein Widerpart des Geduldhaften und dessen, was wir Nachhaltigkeit nennen.

Geduld ist das Schwerste und das Einzige, was zu lernen sich lohnt. Alle Natur, alles Wachstum, aller Friede, alles Gedeihen und Schöne in der Welt beruht auf Geduld, braucht Zeit, braucht Stille, braucht Vertrauen. (Hermann Hesse)

Es braucht Vertrauen in den Rat der Zeit; in die Selbstheilungsfähigkeit des Aufgewühlten durch Stille und Erkenntnis; in die eigenen Energien, wenn sie Anlass und Raum zur Entfaltung erhalten; in das Gesetz der Resonanz, das zum Wirksamwerden manchmal seine Zeit benötigt; in die inneren Gesetze, nach denen sich die Dinge bewegen und die rechte Handlung recht-zeitig „von selbst“ auftaucht. Auch das Vertrauen in die unsichtbaren Mitspieler auf der Bühne des Lebens und damit in eine höhere „Fügung“ soll hier nicht unerwähnt bleiben. Gilt es doch manches, das wir zwar ersehnen, aber nicht machen und schon gar nicht zwingen können, loszulassen und an eine andere „Instanz“ zu übergeben.

In der Geduld dehnen wir nicht nur die Zeit, sondern weiten uns über unsere Grenzen hinaus und lassen zu. Dieser Prozess ist ohne Stille und die Begegnung mit uns selbst kaum zu bestehen. Denn in der Stille lernen wir zu hören und zu spüren, was das Leben spricht. Dort verstehen wir uns selbst und was uns treibt. So wächst Selbstreflexion, lernt die Person die Geduld auch mit sich selber und kommt so zur Entfaltung. In allem bildet sich das rechte Maß. Manches, das uns dringlich schien, tritt nun zurück. Anderes, das wir bislang nicht kannten oder übersahen, erscheint im Raum der Wahrnehmung.

Geduld lässt zu, und sie hält aus. Da sie alles zulässt, was ist und sich uns zeigt, geht selbst inmitten der Bedrohung die Freude über eine Blume am Wegesrand, die Sterne am Himmel oder den Zauber von Musik nicht verloren.

Das Charisma der Geduld liegt auf mehreren Ebenen. Sie entschleunigt Prozesse, die in Hast und Unrast zu unangemessenen Resultaten führen würden. Sie hält in der Schwebe und konstatiert nicht voreilig Gewissheiten. Sie lässt dem Leben die ihm zugewiesene Geschwindigkeit und damit seine Würde. Sie beutet nicht aus. So wird sie zu einem Ausdruck dessen, was wir mit Albert Schweitzer Ehrfurcht vor dem Leben nennen.

Geduld ist der vielleicht entscheidende Schritt und Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung, oder wie Ambrosius von Mailand (339 – 397) schrieb, „die Vollendung der Liebe“.

Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen – und dann gebären…
Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.
(Rainer Maria Rilke)

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