Fastenzeit

clausAllgemein

Ein wenig wie aus der Gegenwartswelt gefallen, mutet manches religiöse Brauchtum an. Das Fasten gehört dazu, als Zumutung in einer Kultur, die viel auf sich gibt, weil sie viel zur jederzeitigen Verfügung hält. Alles käuflich. Verzicht stellt da einen Mangel her, provoziert ein Defizitgefühl, es sei denn, man entscheidet sich etwa für Früchtefasten auf Madeira mit ayurvedischer Ganzkörperbehandlung. Das soll auszuhalten sein, wie zu hören ist.

Fasten kann man eigentlich so gut wie alles. Aber warum? Was ist der Antrieb dazu, wenn wir einmal das religiös Verordnete und bei fehlender Konsequenz schnell mit einem schlechten Gewissen versehene außer acht lassen?

Fasten – das meint Innehalten, gewisse Routinen und Gewohnheiten in Frage stellen und auf Zeit durchbrechen. Sonst werden die ausgetretenen Lebenswege immer tiefer – bis wir eines Tages nicht mehr über ihren Rand hinweg sehen können. Das Fasten dessen, was mich beherrscht, worauf bezogen ich Gefahr laufe, mich in Abhängigkeit zu begeben und meine Freiheit aufs Spiel zu setzen, öffnet den inneren Wahrnehmungsraum. Es bietet die Chance zu neuer Orientierung und Ausrichtung, zur neuen Justierung alltäglicher Lebenspraxis. So kann es als Quell innerer Umkehr durch Selbstzurücknahme gesehen werden.

Fasten und Stille, Fasten und eine kontemplative Haltung gehören untrennbar zusammen, wenn es nicht nur darum gehen soll, ein wenig abzunehmen und der Leber eine Ruhepause zu gönnen. Die Hingabe und Öffnung in der Stille verfeinert die Fähigkeit, sich berühren zu lassen, die „Dinge“ auf uns zukommen zu lassen, ohne dass sich Mauern der Gewohnheit dazwischen aufrichten. Fasten meint so auch Empfangen. Der Mensch strebt dahin, ein leeres Gefäß zu werden, er reinigt den Geist und vor allem die Seele.
Im recht verstandenen Fasten begegnen wir uns selbst auf eine tiefere Weise. Masken, nicht nur die des gerade vergangenen Karnevals, fallen ab. Körper, Seele und Geist spüren ihre Einheit. Das ist kein Denkvorgang, es ist eine Empfindung.

Lebensfragen stellen sich neu: Was ist wichtig, was will überwunden oder einfach gelassen werden? Was lebt hinter all den schönen Bildern und der Sogwirkung der Ablenkungsmaschinerie für eine wahre Sehnsucht? Was meint Leben im Einklang mit der Schöpfung und den Gesetzen des Seins? Was ist meine Rolle auf den verschiedenen Bühnen des Lebens?

Die Tradition des Fastens gibt es in nahezu allen Kulturen und Religionen. In der jüdisch-christlichen Tradition spielt hierbei die Zahl 40 eine besondere Rolle.
Sie steht für einen Zeitraum der Vorbereitung und des Übergangs, die zum Innehalten auffordert, eine Transformation ermöglicht. 40 Tage und Nächte ergoss sich der Regen der Sintflut. Genauso lang wartete Noah, nachdem die ersten Berge wieder sichtbar wurden, bis er aus einem Fenster der Arche einen Raben fliegen ließ. 40 Jahre zog das Volk Israel durch die Wüste. 40 Tage verharrte Moses auf dem Berg Sinai, bis er die Zehn Gebote empfing. 40 Tage und Nächte war Elia unterwegs, bis Gott auf dem Berg Horeb zu ihm sprach. Zu einem 40-tägigen Buß-Fasten rief  Jona in Ninive die Menschen auf. Betend und fastend lebte Jesus 40 Tage in der Wüste, um sich auf seine Berufung vorzubereiten. Und so dauert auch die Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern 40 Tage. Dabei sind von den eigentlich 46 Tagen die Sonntage abgezogen, da sie als kleines Auferstehungsfest, als Tage der Freude gelten.

Fasten hat zweifellos mit Opfer zu tun. Aber nicht jenen, die der Mensch mit verhärmtem Gesicht und einer Unerbittlichkeit gegenüber sich selbst und gegenüber anderen vollbringt. Fasten sollte also auch nicht mit schlechter Laune verwechselt werden. Eher im Gegenteil, können wir es doch als ein Wachstum an sich selber verstehen. Dafür ist allerdings ein Grundsatz die Voraussetzung: Freiwilligkeit und Liebe zum Leben.

Es ist nun etwa 30 Jahre her, als ich einen engen Freund, Hochschullehrer in Rechtstheologie, besuchte. Die Begrüßung war herzlich und Wilhelm sagte:
„Lass uns das Wiedersehen mit einer guten Flasche Rotwein feiern.“
„Es ist Fastenzeit, Wilhelm“ bemerkte ich „und da möchte ich keinen Alkohol trinken.“ Er schaute mich in einer Mischung aus Irritation und Belustigung an. „Claus, das solltest Du noch lernen. Manchmal muss man auch ein Opfer opfern!“
Der Rotwein war köstlich. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir noch eine zweite Flasche geöffnet…

Dies ist dein Leben, ein anderes hast du nicht.
Dies ist deine Seele, sie strebt nach Reinheit.
Dies ist dein Leib, er lässt dich spüren und trägt dich über die Erde.
Dies ist dein Geist, er will klar sein.
Dies ist deine Sehnsucht, sie zieht dich zur Quelle.
Was ist von Belang?

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