Corona, die Angst und der Tod. Ein Zwischenruf

clausAllgemein

Wie das Kaninchen auf die Schlange, blickt das Land auf Zahlen. Sogenannte Inzidenzwerte, ein manchmal beliebig erscheinender Messfaktor, der sich abhängig von durchgeführten Tests mal nach oben, mal nach unten bewegt, hält die Bevölkerung in einer Art Schockstarre. Modellberechnungen, die sich auf diese vom Robert-Koch-Institut mit mahnendem Gestus verkündeten Werte stützen, beschwören Worst-Case-Szenarios, wenn die Menschen sich nicht in Bewegungslosigkeit ducken. Aus dem Blickwinkel der entsprechenden Fachleute mag das verständlich und angemessen sein. Virologen sehen halt vornehmlich Viren und orientieren sich in dieser Bewusstseins-Höhle. Das ist auch in Ordnung so. Dafür benötigen wir sie. Genau wie Förster, die Bäume und den Wald vor Augen haben. Das Problem beginnt, wenn die Führung des Landes mit in diese Höhle einzieht und sich dem Virenklima anpasst. Dann entsteht, wie bei der Bundeskanzlerin, das China-Syndrom. Wir lassen keine anderen Meinungen gelten als die eigenen! Und danach richtet sich, wer mal beratend in unsere kleine Kammer der Wahrnehmung darf.
Die Folgen grenzen an Unzumutbarkeit für die da draußen und vor allem auch für einen klaren Geist. Noch vor Kurzem regierte der Inzidenzwert 50 als die zu erreichende pandemische Glorie, dann war es auf einmal 35, nun redet der Gesundheitsminister von erstrebenswerten 10. Manche – in diesem Fall muss man leider sagen – sogenannte Experten und Expertinnen richten Petitionen ein für „Zero Covid“, also null Infektionen. Ein Knallhart-Lockdown, bis das Ziel erreicht ist, soll den Weg weisen. Leider wurde da nichts verstanden…

Das Virus wird als Feind gesehen. Metaphern aus der Sprache des Krieges beschwören seine finale Vernichtung. Angstpolitik und Panikmache schüren ein entsprechendes Meinungsklima und offenbaren doch von Tag zu Tag mehr ihre erschreckende Perspektivlosigkeit. Angst lähmt. Angst führt zumeist in einen passiven Schockzustand. Befürchtungspolitik wagt nichts mehr, geht keine vertretbaren Risiken mehr ein, experimentiert nicht; sie ist in einer Krise die gleichsam naturgegebene Folge von weitgehender Visionslosigkeit. Und so kann nicht oft genug der biblische Satz zitiert werden, dass „ein Volk ohne Vision zugrunde geht“.

Covid und seine Mutationen sind nicht vollständig zu stoppen. Dabei muss man dem Virus keine außerordentliche Intelligenz unterstellen. Die haben Viren nicht. Aber sie folgen, manchmal in überraschender Weise, dem Weg jeden Lebens, nämlich danach zu trachten, sich zu reproduzieren. Gleichwohl scheint mir hinter der Entwicklung insgesamt eine evolutionäre „Intelligenz“ spürbar, die begonnen hat, sich gegen das wohl gefährlichste „Virus“ zu wehren, das den Planeten jemals betreten hat. Ein Virus, das in nahezu alles eindringt, es zurückdrängt und vernichtet, sich zügellos vermehrt. Es nennt sich selber Homo Sapiens.

Covid und seine Nachfolger werden uns begleiten. Wir müssen lernen, mit ihnen zu leben und uns nun selber anzupassen, in sich zurücknehmender und lebensdienlicher Weise. Denn Covid ist die Folge menschlicher Grenzüberschreitungen, was das Reich der Tiere und das Reich der nichtmenschlichen Natur betrifft. Der Versuch, das Virus, koste es, was es wolle, auszurotten, wird sich wieder und noch verstärkt gegen uns Menschen wenden, denn der Preis dafür wäre sozial, psychologisch, sozialpsychologisch und ökonomisch nicht zu bezahlen. Grundsätzlich sollte auch bedacht werden, dass Viren, wie alles Leben, positive Seiten haben. Evolutionär sind sie unverzichtbar, und wie Karin Mölling, eine Virus- und Krebsforscherin vom Berliner Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik betont, tragen sie neue Informationen, ermöglichen neues Erbgut und bieten auch Schutz.
Zieht die gegenwärtige Politik, die ihre Legitimation auf zutiefst demokratische Weise erlangt hat, weiter ihren erschreckenden Blindflug durch, wird auf Dauer ein großer Teil des Landes und der Kultur von Agonie infiziert sein. Es ist nicht auszuschließen, dass gerade eine ganze Generation mit depressiven Zügen, zumindest aber eingeschränkter Zuversicht in das Leben geprägt wird. Mit den Kindern, den Jugendlichen, den kreativen Berufen und Kleinunternehmern wird mit das Kostbarste geschwächt, was ein Land für seine Zukunft braucht. Eines Tages wird man sagen: Politik wollte Leben retten und vernichtete doch mehr als man heilte. Was anfänglich gut gedacht und moralisch hoch zu bewerten war, führte in ein Desaster.

Selbstredend ist es die Aufgabe des Staates und die Aufgabe eines jeden Menschen, Leben zu schützen. Aber was meint das?
Zur Zeit richtet sich der Blick so gut wie vollständig auf die sogenannten vulnerablen Gruppen, vor allem die alten Menschen in entsprechenden Einrichtungen. In dieser Gruppe und wiederum vor allem bei den über 85-jährigen, haben wir die höchsten Sterberaten. Sie müssen geschützt werden. Aber das geht anders sicher besser, als ein ganzes Land, völlig ohne Differenzierung herunterzufahren.
Was in diesem Zusammenhang übrigens auffällt, ist die ausgeprägte Seite einer das sogenannte Individuum verabsolutierenden Kultur. Um nahezu jeden Preis soll das Überleben von jedermann zu jeder Zeit sichergestellt werden. Die Folgen in manchen intensivmedizinischen Exzessen sind bekannt. Hier offenbart sich eine zutiefst gestörte Beziehung zum Tod, dem Tod als Teil des Lebens… Das führt dazu, dass der Drang nach Überleben das Leben zurückdrängt. Solches gilt im Kleinen wie im Großen. Wenn eine Kultur nicht mehr leben, sondern nur noch überleben möchte, führt sie einen reinen Abwehrkampf und ist bereits im Stadium des Verfalls weit fortgeschritten. Denn es gibt kein Leben ohne Risiko. Darauf bezogen jedoch kann konsequente Eigenverantwortung und gelebte Solidarität aller mit den unterschiedlich Gefährdeten weitaus mehr Positives bewirken, als eine gelegentlich ans Irrationale grenzende Kontrollpolitik.

Wenn wir als Menschheit eine Chance haben wollen, dies gilt auch an anderen Stellen wie dem Klima- und Artenschutz, müssen wir beginnen, uns aus der Verabsolutierung des Ichs und seiner Interessen heraus zu entwickeln. Es gilt stattdessen eine konviviale, also dem Leben insgesamt dienende Verhältnismäßigkeit auf allen Ebenen herzustellen. Und es gilt, endlich die Augen zu öffnen. Ein Beispiel dafür ist die Triage, also die Entscheidung des medizinischen Personals, wer die besten Überlebenschancen hat und wer deshalb bevorzugt zu behandeln ist, wenn die Kapazitäten für alle Bedürftigen in einer Klinik erschöpft sind. Das ist die schlimmste anzunehmende medizinische und ethische Situation. Keine Frage! Wir sollten dann nur nicht so heuchlerisch sein und all die „Triagen“ weiterhin ausblenden, die uns allenthalben schon lange umgeben. Um nur zwei exemplarisch zu nennen: Wer darf in Europa leben, wer auf dem Mittelmeer und anderen Flüchtlingsrouten sterben? Welche Industrien werden staatlich gefördert, und wie viele Menschen erkranken und sterben als Folge davon an Umweltvergiftung oder auch Verkehrsunfällen durch Automobile, die Waffen sind? Diese und andere Triagen verantwortet die herrschende Politik. Sie schaut hin und überlässt das Schlachtfeld den Stärkeren, die einen sogenannten Wohlstand zu sichern scheinen.

Irgendwann, wenn die gewohnten und eindimensionalen Problemlösungsstrategien ins Leere gelaufen sind und die Zeit für eine überzeitliche Vernunft gekommen ist, werden wir vielleicht ein Einsehen haben und Covid wie auch andere „Schädlinge“ in den Prozess des Lebens integrieren. Mag es dann ein ständiges Mahnzeichen sein, dass die expansive und zerstörerische Dynamik der technologischen Ich- und Habenkultur ein evolutionär vielleicht unvermeidbarer, trotzdem aber auch unverzeihlicher Fehler war.

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