Mythos – Die Kraft der inneren Bilder

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Dass der Mensch ohne Mythos nicht leben könne – diese Überzeugung vertritt etwa Friedrich Nietzsche (1844-1900). Dem kann man zustimmen. Aber worum geht es dabei?

Etwas Geheimnishaftes und damit Unbestimmtes liegt im Wort Mythos und im dem, wovon er handelt. Es scheint sich der kalten industriegesellschaftlichen Rationalität zu entziehen, was die Verführung ausmacht, von und über einen Mythos zu sprechen. Der Begriff und das Besagte entlasten weitgehend von begrifflicher Schärfe und entsprechender sprachlicher Präzision. Begründungen erscheinen obsolet. Die Unschärfe selbst ist ein Teil der Botschaft. Sie birgt in dem, was durchschimmert, ein noch nicht eingelöstes großes Versprechen.

In der Menschheitsgeschichte tritt der Mythos als universales Phänomen in Erscheinung. Trotz vielfältiger jeweiliger Besonderheiten verbindet er die Menschheitsfamilie. Das betrifft nicht nur die Tatsache seines Erscheinens an sich, sondern auch die „ewige“ Wiederkehr und die Variation klassisch zu nennender Inhalte und Motive. Mythen mutieren sich durch die Zeitalter und Kulturen.

Im Mythos finden sich Urbilder der Existenz mit überzeitlicher Bedeutung und Epochen überschreitendem Gehalt. Die Fragen nach dem Woher und dem Wohin des Menschen, nach der tieferen Bedeutung von Leben und Tod, von Gut und Böse, von Himmel und Hölle liegen dem Mythos zugrunde.
Die sich immer wieder neu stellenden menschlichen Grundfragen bringen ihn in ein gleichsam schwebendes Verhältnis zur Geschichte. Das Aufgeworfene erscheint geschichtsfrei, auch wenn jede Generation aus den im Mythos sich verbergenden Antworten das ihre zu lesen vermag.
Mythen sind in Geschichten und Bilder gekleidet. Jede Kultur hat dabei ihre eigene Mythologie. Sie stiftet Identität, errichtet eine geistige Heimat. Wir können die Mythologie somit als eine übergeordnete Seinsdeutung verstehen, die Natur, Gesellschaft, Psyche und Offenbarung vereinigt. Eine religiöse Tiefenstruktur ist ihr zumeist beigeben. Das hebt sie aus anderen Überlieferungen heraus und gibt der Sehnsucht des Menschen nach dem Absoluten den angemessenen Raum.

Der Mythos präsentiert nicht Faktizität, sondern er schenkt Bedeutung und daraus folgende Gewissheit. Nimmt ein Mensch oder nehmen Menschengruppen dies als „Wahrheit“ an, so wird er verbindlich für das Sein. Seine Dynamik greift gestaltend in das Leben und die uns umgebende Welt ein.

Die sogenannte Wirklichkeit erscheint bezogen auf die im Mythos sich ausdrückenden Urbilder des Seins oft defizitär. Und so heißt Leben im Angesicht des Mythos, Leben in der Differenzerfahrung von Ideal und Wirklichkeit, von Sein und Sehnsucht. Diese Spannung vermag bezüglich der gesellschaftlichen Realität durchaus politisch zu wirken – als subversive Kraft des Unerfüllten.

Gerade weil die sogenannte rationale Vernunft, die zu oft eine bloß ökonomische ist, die Gegenwart noch immer so weitgehend beherrscht, benötigen wir heute starke Bilder und eindrückliche Erzählungen für das Wohin der menschlichen Kultur. Man könnte sagen, dass die Zeit, in der wir leben, auf einen neuen Mythos wartet, geboren aus alter Sehnsucht. Es geht darum, das immer weiter so im Gegenwärtigen durch kraftvolle Vorstellungen in Frage zu stellen und Schritt für Schritt zu überwinden. Diese inneren Bilder mit dazugehörigen Geschichten warten darauf, in unsere Perspektivwelt gemalt zu werden – als das, wovon wir träumen.

Auf welcher Erde wollen wir und die Kommenden leben? Was heißt gelingendes Leben, das die Zerrissenheit durch des Menschen Intervention, die Spaltungen und Trennungen überwindet und heilt? Hier klingt der Ruf nach Einheit und Einssein inmitten aller Zerstreuung und über alle Widersprüche hinweg: Einheit des Lebens in einer Ich-bezogenen Welt; Versöhnung mit der gesamten planetarischen Lebensgemeinschaft; Harmonie von Natur, Mensch und Technik.

Entsprechende Bewusstseinsfelder können allerdings nicht einfach erdacht, nicht am Reißbrett entworfen werden. Vielmehr sollten wir uns trauen, von der neuen Welt zu träumen und das stark in uns zu machen. Dazu gehört, es zu kommunizieren und uns mit anderen Menschen gemeinsam auf diese Bewusstseinsreise zu begeben. Wir werden erkennen, wie nah wir uns sind in den Urbildern von Verbundenheit, Schönheit, Harmonie und Glück. Und dann können wir den Alltag mit dieser Aufbruchsenergie hin zu den Sternen menschlicher „Größe“ immer neu ausrichten und die Gestaltung der Welt auf den unterschiedlichsten Ebenen daran messen. So treten wir ein in die Arbeit am Mythos, wie es der Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996) in einem Buchtitel einmal nannte.
Geredet, dass in einer kollabierenden Welt so vieles anders werden müsse, haben wir lange genug. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Aber in welche Welt wollen sie uns führen bzw. wollen wir aufbrechen?

Das liegt an jeder und jedem Einzelnen und der Bereitschaft, sich diesem Aufbruch wirklich hinzugeben. Dann ist Zuversicht durchaus angebracht, dass durch die unsichtbaren Geistfelder vieler Menschen eine neue mythische Kraft und Gestalt entsteht. Sie wird leuchten und das Ursprüngliche und Essentielle mit dem in dieser Zeit Gewünschten, Ersehnten und auch Notwendigen verschmelzen.

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