Der Eros des Erkennens

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Philosophie spricht von Liebe – philia, und zwar der Liebe zur Weisheit – sophia. Es ist eine geistige Liebe, wie sie auch zwischen Menschen als tiefe innere, manchmal spirituelle Verbundenheit bestehen kann, ohne dass sie ein körperliches Begehren miteinschließt.
Eros, in der griechischen Mythologie der Gott der Liebe, fokussiert in übertragener Bedeutung demgegenüber auch auf das Sinnliche. Anziehungskraft tritt ins Spiel und ein leidenschaftliches sich Zubewegen auf das, was zieht.
Erkennen als Prozess nun vermag genau mit jener Kraft und einer entsprechenden Leidenschaft verbunden sein. Denn wenn es einen tieferen Sinn des Menschseins gibt, zielt dieser neben Liebe und Verbundenheit auf Erkenntnis und geistiges Wachstum.

Alles im Verlauf der  Menschheitsgeschichte, das zu Aufbrüchen, neuen Orientierungen und großen Wandlungsprozessen führte, ist ursächlich mit dem Aufkommen und Voranschreiten von Geist und Erkenntnis verbunden. Im Entwicklungsniveau beider spiegelt sich der Zustand des Menschen auf den verschiedenen Seinsebenen – kulturelle Unterschiede eingeschlossen. Die geistige Entwicklung und eine damit verbundene Vertiefung unserer Erkenntnis bilden somit auch das Ferment für den anstehenden gewaltigen Wandel hin zu einem Menschen und einer Menschheit, die mit dem Leben versöhnt sind und ihm liebevoll dienen. Unser Überleben hängt an dieser universalen Bewusstheit und einem Ausfluss in lebensdienliches Handeln. Stärker könnte doch ein Antrieb wohl kaum sein, wenn ich mich nicht auf ein Bedürfniswesen und entsprechend vegetative Vollzüge reduzieren will.

Ähnlich wie Geist ist der Begriff Erkenntnis so umfassend, dass er kaum definiert werden kann, ohne auf sich selbst Bezug zu nehmen. Er hat mit Verstand genauso zu tun wie mit Vernunft, Wissen, Erfahrung, Gefühl, Glauben, Einsicht, Ahnung oder Vermutung. In den vergangenen Jahrhunderten setzten sich allerdings in westlicher Gesellschaft und Wissenschaft ein Erkenntnis- und in der Folge Vernunftverständnis durch, die wesentlich vom analytischen und sogenannt rationalen Geist durchdrungen sind. Die Folgen dieser drastischen Verengung für die Wahrnehmung und Gestaltung von Welt sind bekannt.

Die gesamte sogenannte Wirklichkeit, wie der Mensch sie wahrzunehmen in der Lage ist, repräsentiert in gewissem Sinne Geist, Bewusstsein und Erfahrung. Dieses kosmische Bewusstsein setzt sich aus unzähligen Spuren und Elementen zusammen. Wollen wir diese für das Erkennen zugänglich machen, sollten die gewählten Erkenntniswege selbst entsprechend vielfältig sein. Das schließt transrationale Zugänge wie Schau, Intuition und Offenbarung mit ein. Erkenntnis in diesem Sinne setzt also ein Bemühen voraus, Geist, Leib, Psyche, Seele, Bios, Kosmos und Transzendenz als Integral zu verstehen. Die „Dinge“ selber müssen eine Chance erhalten zu sprechen und auf ihre eigene Weise zu sagen, was sie sind. Und wir müssen lernen, mit entsprechender Hingabe  zu hören….

Rainer Maria Rilke in einem Brief:
Das Leiseste darf Ihnen nicht entgehen,
Sie müssen jenen Ausschlagswinkel sehen,
zu dem der Zeiger sich kaum merklich rührt,
und müssen gleichsam mit den Augenlidern
des leichten Falters Flügelschlag erwidern,
und müssen spüren, was die Blume spürt.

Die Welt, wie wir sie bislang verstanden, haben wir vor allem durch ihre äußeren Erscheinungen wahrgenommen. Entsprechend reduziert zeigt sich in der Folge das Wirklichkeitsverständnis. Das Innen und die Innenseiten wollen nun entdeckt werden und damit der Zugang zum Wesen der Dinge. Dieser Weg führt uns zu uns selbst. Denn das Innere, das wir erleben und erkunden können, ist als erstes immer das eigene. Von dem Grundgedanken her kommend, dass dieses Innere auch ein Spiegel des Kosmos ist, gewährt sich so ein erstes Verstehen des Ganzen über tiefe Selbstwahrnehmung und Selbstverstehen.

Was gehört an Augen der Erkenntnis zu dieser Innenschau?
Sicher stehen Denken und rationales Bewusstsein im Vordergrund. Ihre Nahrung erhalten sie jedoch auch durch Fühlen, sinnliche Erfahrung, Wollen, Wünschen, Sehnen, Fürchten, Ahnen, Träumen – und Glauben. Die Empfindungskräfte wie Liebe, Trauer, Leid, Hoffnung, Verzweiflung und Freude sind so als eigene Kräfte im Prozess des Erkennens zu sehen. Eine solche integrale Erkenntnis führt die unterschiedlichsten Gaben, Charismen und Weltzugänge zusammen und befreit sie füreinander.

Die Freiheit, auf der ein integraler Erkenntnisbegriff und eine integrale Weltzuwendung beruhen, schließt die Respektierung der Tatsache ein, dass einzelne Menschen und auch ganze Kulturen sich auf unterschiedlichsten Niveaus von Wissen, Erfahrung und Erkenntnis und den jeweiligen Wegen, diese zu erlangen, befinden. Sich vollziehende Bewusstseinssprünge im energetischen Feld der Menschheit werden deshalb nie alle Menschen und Kulturen zeitgleich und in gleicher Weise erreichen. Um so bedeutender ist jeder Schritt eines einzelnen Menschen. Er will, über das Eigene hinausgehend, auch als Impuls für andere gesehen werden. Das gilt nicht nur im Hinblick auf den sozialen Nahbereich, sondern ist ein unverzichtbarer Beitrag zur Verfeinerung des geistigen Feldes, das die gesamte planetarische Gemeinschaft durchdringt und umhüllt.

Etwas anderes als die menschlichen Tragödien, die als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unsere Herzen bewegen, ist die ins Überraumzeitliche reichende Entwicklung des Geistes, zu der sie aufrufen und die sie als Chance enthalten.
(Karlfried Graf von Dürckheim)

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