Zuversicht

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„Du bist so jung wie deine Zuversicht, 
so alt wie deine Zweifel.“
(Albert Schweitzer)

Das Gegenwärtige konfrontiert uns wahrlich mit reichlich Einsichten, was unser Sein als Mensch und Menschheit betrifft. Das nüchterne Auge erkennt in dem, was ist und auf uns zukommt, ein Kaleidoskop des Schreckens. Das pandemische Außer-Kraft-Setzen der sogenannten Normalität und der für selbstverständlich gehaltenen Rechte und Freiheiten; der radikale Wandel der klimatischen Verhältnisse; das Sterben von Natur und unzähliger Arten; das unvorstellbar auseinander klaffende Verhältnis von Reichtum und Armut, Überfluss und Elend; die suizidale Uneinsichtigkeit und Bequemlichkeit einer Gattung, die in ihrer (auch kollektiven) Egomanie an Unersättlichkeit zu ersticken droht. Worauf könnte in diesem Wimpernschlag der terranen Evolution Zuversicht gründen?

Was wir Zuversicht nennen, hat nichts mit Realitätsverweigerung zu tun. Gerade die Risiken der Existenz geraten vielmehr nie aus dem Blick, sind sie doch der Ausgangspunkt für eine Zukunftsperspektive, die dem wahrscheinlichen negativen Ausgang eine konstruktiv positive Grundhaltung gegenüberstellt. Missverstehen wir das bitte nicht als unbegründeten oder gar naiven Optimismus. Denn dahinter stecken eine reflektierte Abwägung und ein Kalkül, die sich mit der Entschlossenheit verbinden, konsequent lösungsorientiert zu denken und wenn möglich auch zu empfinden. Wer in der Zuversicht lebt, lässt sich die Grundannahme eines positiven Ausgangs, einer darauf bezogenen Orientierung und entsprechenden Handelns nicht aus der Hand nehmen. Lebensbejahung, Lebensfreude und ein pragmatischer Lebensmut greifen ineinander. Gegründet sind sie in einem existentiellen Urvertrauen.
Berechtigt mag man hier nun fragen, was denn „positiver Ausgang“ meine, wenn doch absehbar ist, dass so viele Dinge den Bach hinuntergehen. Nun, positiv sollte nicht mit der Illusion verwechselt werden, es werde wieder so, wie es einmal war, oder es entwickele sich doch alles so, wie ich es erträume und erwarte und das alles ohne Veränderungs- und Wachstumsschmerz…
Zuversicht, etwa inmitten einer Pandemie wie der, die uns ergriffen hat, meint zunächst, den damit verbundenen Schwierigkeiten standzuhalten, sich nicht desillusionieren zu lassen und nicht die Segel des Urvertrauens mitten im Sturm der Wandlung vor lauter Angst einzuholen. Sie führt in das Hindurch und richtet den Blick auf das Neue, das auf Enthüllung und Verwirklichung wartet. Und sie behält diesen Blick bei, selbst wenn im Nebel noch keine Konturen erkennbar werden. Wer Zuversicht in sich trägt und in dieser Haltung anderen Menschen begegnet, lässt sich nicht zum Opfer der Verhältnisse machen. Er glaubt an das, was ihn stärkt und interveniert allein schon dadurch konstruktiv in das Geschehen und die mentalen Felder anderer Menschen.

Hinsichtlich zahlreicher Entwicklungen müssen wir akzeptieren lernen, dass sie nicht nach unseren Wünschen ausgehen, und dass sie mit Schmerzen und gravierenden Verlusten bei Mensch und Mitwelt verbunden sein werden. Doch selbst dann gibt es überall Spielräume und Fenster der Ermöglichung zu entdecken, die vielleicht zu völlig neuen Perspektiven führen. Das Erspüren solcher Spielräume und Fenster schwächt die Angst, etwas zu verlieren, eine Angst, die uns klein macht und klein hält.

Zuversicht im aufrechten Gang ist eine Lebenshaltung. Sie kann gelernt und in jedem Augenblick neu eingeübt werden. Wenn diese Weltzeitstunde etwas von uns fordert, dann dieses. Das Vergehen auch der größten und entwickeltsten Kulturen in der Geschichte hängt mit einem Verlust an kreativer, pragmatischer und vertrauender Zuversicht zusammen, die unendlich mehr ist als der Drang zum Festhalten und Konservieren.

Menschen, die inmitten eines sich abzeichnenden oder bereits vollziehenden Desasters trotzdem Zuversicht in sich tragen, sie ausstrahlen, kommunizieren und damit anstecken, sind die wahren Heldinnen und Helden des Alltags, die das Leben so dringend braucht. Das Zeitgefühl, das sie in sich tragen, nennen wir KAIROS. Jetzt, in diesem Moment, ist deine Zeit. Sie enthält Möglichkeiten. Lass sie nicht verstreichen.

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