Die Lebensreise

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Es gibt ein Wissen, das vor allem Bewusstsein des Menschen liegt. Es wird das überzeitliche, ewige Wissen genannt. Aufgehoben in den zeitlosen Gesetzen, lebt es in allem Sein. Die Sonne, der Baum, die Quelle, der Wind und der Berg tragen es genauso in sich wie ein Wolf, ein Adler und ein Schwarm voller Fische. Dem Menschen ist zugestanden, von diesem Wissen zu wissen und es freizulegen. Ihm ist die Möglichkeit gegeben, sich daran zu erinnern und es aus seiner Dunkelheit des Vergessens ans Licht zu heben.
Manchmal bedarf es dazu eines Lehrers, der behutsam zu der Einsicht führt, die doch immer schon da ist in uns, verborgen nur. Manchmal stellt das Leben uns unvermutet in diesen Glanz des Erkennens. Das kann durch einen Kairos-Moment sein; oder durch jenes Durchscheinen des Unbewussten ins Bewusstsein hinein, das Intuition genannt wird; oder auch durch eine Schicksalsbegebenheit, mit der alle Barrieren, die aus Angst, Vorurteilen, Trägheit des Geistes und besänftigenden Illusionen gemauert sind, zurückweichen. Dann taucht das Bewusstsein des Menschen ein in sein grenzenloses Seelenfeld, in dem dieses Wissen lebt.

Die Kenntnis der ewigen Gesetze können wir auch Lebenswissen nennen. Es ist für uns Menschen nicht neutral oder wertfrei. Es zu kennen, heißt Kunde und Empfindung davon zu haben, was das Sein und Werden ausmacht und was seiner Entfaltung dient. So wie der Irrtum zur Sünde – oder wortgenauer – zur Verfehlung, vor allem des eigenen Wesens führt, so mündet das Lebenswissen in Tugend, ja ist bereits höchste Tugend, wenn es in uns erweckt worden ist. In solchem Erwachen liegt der Sinn der menschlichen Lebensreise.

Nahe liegt das Lebenswissen an der Weisheit, vor allem der ewig währenden Weisheit, auch Philosophia Perennis genannt. Doch beide sind nicht identisch. Das Lebenswissen ist einfach immer schon da, durchströmt den Kosmos. Die Weisheit erwächst aus dem Boden des Lebenswissens, wird von ihm genährt. Sie verleiht der menschlichen Existenz eine Orientierung, die uns im Alltag jenem folgen lässt, was dem Leben, dem Werden und Vergehen zwischen Immanenz und Transzendenz dient. Die Weisheit können wir lieben. Sie ist schön und gibt der Tugend ein Antlitz. In jedem Menschen, der sich ihr anvertraut, nimmt sie in Verbindung mit der Persönlichkeit eine ganz eigene, doch unübersehbare Gestalt an.

Weder das Lebenswissen noch die Weisheit lassen sich rein denkerisch erschließen. Denn beide sind Bewusstsein und Empfindung zugleich. Wenn sie Wohnung in uns nehmen, spüren wir sie. Eine unaufdringliche Klarheit breitet sich im Menschen aus, der Ruhe und Gelassenheit folgen.
Das Lebenswissen und die Weisheit reifen im Menschen mit den Jahren. Dabei verändert sich ihr „Geschmack“. Wesentlich für diesen Prozess ist die wiederkehrende Erfahrung der Stille, der Weg dessen, was Kontemplation genannt wird, das Eins-Werden mit unserem tiefstem Wesen im hingebungsvollen Schweigen. Trennlinien lösen sich dann in uns auf, Verbundenheit durchströmt die Seele, Teilhaftigkeit regt sich als Identität.

Auf Lebenswissen und Weisheit wird sich eine Menschheit der Zukunft gründen. Oder sie wird vergehen – einfach so, „gerichtet“ von den Gesetzen des Lebens, die zu verstehen sie sich nicht hinreichend bemühen wollte. Jedes Kind auf dieser Erde sollte deshalb die Chance haben, sich in dieses Bewusstsein hinein zu entwickeln und entsprechend zu entfalten. Ein höheres und zugleich dringlicheres planetarisches Bildungsanliegen gibt es nicht. Doch wer verwirklicht die entsprechenden „Schulen“, bildet die entsprechenden Lehrer und Lehrerinnen aus, denen wir unsere Kinder und Enkel anvertrauen können? Universitäten würden daran scheitern. Das Wissen, das sie generieren, reproduzieren und weitergeben, führt selten zur Weisheit. Denn es ist zumeist funktional, distanziert und nicht aus Liebe geboren. Und so gilt es, die Grundlage aller Bildung neu zu denken, als Schule des Lebens und Schule des Werdens. Lehren kann hier nur, wer selber die Quelle, zu der er führen soll und führen will, in sich entdeckt und von ihr getrunken hat. Schöner könnte die Herausforderung für jede(n) von uns nicht sein, größer allerdings auch nicht die Verpflichtung. Denn der Griff nach dem Lebenswissen und der ihr entspringenden Weisheit ist kein Irgendwas, sondern höchster ethischer Anspruch.

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