Dual und Nondual – Einheit und kein Gegensatz

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Dass das Leben in seinen milliardenfachen Manifestationen dem Einen, dem Urgrund entstammt und in ihm ruht, liegt als Einsicht und Erfahrung allen bedeutenden spirituellen Wegen zugrunde. Wir sprechen von diesen Erfahrungen, die sich auf die eine göttliche Realität und die Nicht-Existenz einer wesenhaften Trennung von Gott und der Welt oder von Gott und der Seele beziehen, auch als Mystik. Jedem Menschen ist es grundsätzlich gegeben, in diese Erfahrung bewusst einzutauchen, ihr schlicht nur zu begegnen bzw. von ihr einfach so erfasst und ergriffen zu werden.
Das Eine und Ursprüngliche, das Ungeteilte und Ungetrennte, das Zuhause aller Wesenheiten ist der Ausgangspunkt und Ruf aller wahren Sehnsucht. Aurelio Augustinus (354-430): „Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.“ (Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir)

Der Begriff „Nondualität“ spricht dieses Einssein an. Ihm steht die sogenannte „Dualität“ gegenüber, ein Verständnis von Wirklichkeit, das auf Unterscheidung basiert. Auch wenn es immer wieder mehr oder weniger krampfhafte Versuche gibt, beide, Dualität und Nondualität als Gegensatz zu konstruieren und das Nonduale als spirituelle Ultima Ratio auszuweisen; beide gehören untrennbar zusammen. Aus dem Einssein erwächst die Unterscheidung. Nur aus der Unterscheidung heraus kann ich wiederum das Absolute und Ungetrennte überhaupt als solches empfinden und erkennen. Wären Nondualität und Dualität ein grundlegender Gegensatz, hätte das sich permanent aufdifferenzierende Universum nie entstehen können, und es wäre nie irgendwo ein Bewusstsein gereift, das sich solch luxuriösen Gedanken wie diesen hier hätte hingeben können.

Weltsichten werden immer dann falsch, wenn ein Ismus entsteht, also eine dogmatische Verengung, ein für sich in Anspruch nehmen von Absolutheit. So auch beim Dualismus. In ihm wird die Erkenntnis von Unterschiedlichkeit zur der Behauptung, dass das als unterschiedlich Erkannte voneinander getrennt sei. Der Nondualismus konstruiert demgegenüber die reine Wirklichkeit als das Eine und Ungetrennte, dem eine Scheinwelt gegenübersteht, die auf Trennung basiert. Er ist in dieser Abgrenzung selber der dualistischen Weltsicht verfangen, spaltet – und das mit dem Argument der Einheit.

Nondualität und Dualität als Welt- und Seins Wahrnehmungen bedürfen einander. Im besten Sinne erleben wir sie als ineinander verflochten, was konkret meinen kann: Aus der Metaperspektive des Lebens heraus spüren wir das Einssein und die allumfassende Verbundenheit; sie nimmt zugleich das sich Unterscheidende und die Unterscheidung selbst als außerordentliche Kostbarkeit und evolutionäre Vielfalt wahr, die wir leben und lebensdienlich gestalten, im Einen ruhend.
Für eine erstrebenswerte Harmonie von Einssein und Differenzierung in Vielfalt bedeutet dies unter anderem eine neue Wertschätzung des „Du“ auf unserem spirituellen Weg. Denn das Leben ist Beziehung, ist ununterbrochene Kommunikation, auch mit meinem wesenhaften Selbst, auch in der Tiefe der hingebungsvollen und formlosen Stille.

In Beziehung und als Beziehung nun wandelt sich das Einssein immer wieder zum DU, tritt uns als Leben inmitten von Leben gegenüber. Das nonduale Gesamt berührt uns als Du in mir und Ich in Dir. So führt die kontemplative Versunkenheit im göttlichen Urgrund durch unsere Sehnsucht in ein Beziehungs-Du, das wir ansprechen, ja anrufen können in seiner Formlosigkeit – bis es wieder zerfließt in sein Reich. „Ich und der Vater sind eins“, sagt Jesus. „Du erkennst ihn nur durch mich“. Der suchende Mensch begegnet dem Du und durch dieses Du hindurch erkennt er das Wesen, die letzte Geborgenheit, die ihn trägt.

Was bedeutet das nun für jene, die in Versunkenheit die Stille suchen, ja „die Stille hinter der Stille“, wie es der Mönch und Mystiker Willigis Jäger (1925-2020) so trefflich formulierte.
In der Stille durchwandern wir die Welt der Unterscheidung, lassen sie für eine Zeitlang hinter uns und geben uns dem Unfassbaren und Einen hin. In ihm ist jedes Du geborgen. Tauchen wir aus der Stille wieder auf, so stehen wir in Begegnung, zunächst mit uns selbst, dann mit der „Welt“. Aber diese Begegnungen ereignen sich nun in Begleitung durch das Wissen um den erfahrenen gemeinsamen Grund.

Der persische Sufi-Mystiker Dschalal ad-Din Rumi (1207-1273):
In der frühen Morgenstunde,
vor der Dämmerung,
erwachen der Liebende und die Geliebte

und trinken vom Wasser.
Sie fragt: Liebst du mich mehr als dich selbst?
Bitte, sag mir die Wahrheit.
Er sagt: Von mir ist nichts übrig.
Ich bin wie ein Rubin,
der gegen den Sonnenaufgang gehalten wird.

Ist er noch ein Stein,
oder eine Welt gemacht aus Rot?
Er setzt der Sonne keinen Widerstand entgegen.

Der Rubin und das Sonnenlicht sind eins.

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