Abstieg und Planetentauglichkeit

clausAllgemein

Die Zeit der planetarischen Blüte ist vorbei. Neuem fehlt der Raum zu evolutionärer Entwicklung und Entfaltung. So weit ist es gekommen, dass der Mensch sich freut und es als Sensation feiert, wenn er alle paar Jahre eine Lebensform entdeckt, ein kleines Insekt vielleicht, das den wissenschaftlichen Augen bislang entgangen war. Aber noch während er dies erkundet und klassifiziert, hat er bereits wieder tausende Arten aus dem planetarischen Universum unwiederbringlich vernichtet. Der Abstieg, auch wenn dieser im Letzten dem Gesetz allen Werdens folgt, ist in seiner Dynamik weitestgehend selbstverschuldet. Wir wissen das und verstehen doch nicht, die angemessenen Schlüsse in der angemessenen Zeit zu ziehen. In gewisser Weise macht uns das zu einem untauglichen evolutionären Experiment, wenn man vom Gesamtwohl lebendiger Prozesse her denkt. Von anderen ausgestorbenen Beherrschern des Planeten unterscheidet uns dabei, dass wir das alles sehen, verstehen und an sich auch die Schlüssel in Reichweite haben, die das Tor am Ende der Sackgasse öffnen könnten. Warum wir sie nicht ergreifen – selbst das wissen wir. Und es wächst ob konsequenter Tatenlosigkeit die Scham mit jeder weiteren Aufzählung.

Vielleicht wird es nach dem Ende des Anthropozäns irgendwann neues intelligentes und mitfühlendes Leben geben, vielleicht ferne Nachkommen von uns. Dann wird man sich erstaunt fragen, welche Kräfte es waren, die verhindert haben, die Notbremse in einem überfüllten Zug zu ziehen, während die Displays in den Rücklehnen und auf den Smartphones die Fahrt gen Abgrund live übertragen haben.

Nun könnte solchem Argumentieren entgegengehalten werden, dass doch auch die Entwicklung des Menschen, seine Verbreitung und das Hervorbringen immer neuer Technologien Teil evolutionärer Prozesse sei und alles andere als einen Stillstand signalisiere. Man mag aus einer anthropozentrischen Logik heraus diese Blickweise haben. Es blendet jedoch u.a. die Blutspur der Opfer aus, die diesen Weg säumen.

Und so wird es einsamer um den Menschen auf seiner evolutionären Reise. Bald acht Milliarden Exemplare sind zu sehr damit beschäftigt immer mehr zu werden und sich mit Diesem und Jenem zu versorgen. Sie nehmen zwar zunehmend mit Klagen, letztendlich jedoch billigend, die Verkarstung des von ihnen selbst als Wunder der Schöpfung gepriesenen kleinen Planeten in Kauf.

Chancen zur Korrektur bestehen zwar immer. Doch die notwendige Entschlusskraft verzweifelt an der Gewöhnung und Bequemlichkeit. Konsequent hält die Schwerkraft des Habens und der Beharrung die zarten und feinen Energien am Boden. Und sie lähmt die Bereitschaft, die Lüge, in der wir heimisch geworden sind, zu verlassen.

Stellen wir trotzdem noch einmal die Frage, was denn unmittelbar erforderlich und an sich auch machbar wäre, um so etwas wie einen Umkehrschub einzuleiten. Was hieße Lebensdienlichkeit und Planetentauglichkeit?

Friedfertigkeit und Bescheidenheit wären der Schlüssel – für eigentlich alles. Exemplarisch könnte das heißen:

Mindestens die Hälfte des Landes und mindestens zwei Drittel des Meeres stehen global unter strengem Naturschutz.
Der Export von Waffen und Munition wird untersagt.
Gleiches gilt für den Export von Tieren, die nur für den Fleischverzehr gezüchtet wurden.
Die wohlhabenden Länder entziehen das für ihre eigene Reproduktion und Weiterentwicklung nicht notwendige Kapital dem Todeskreislauf des Banken- und Finanzsystems. Mit diesen Mitteln leisten sie ihren Beitrag zur globalen Gerechtigkeit und zur Umsetzung der Menschen- und Lebensrechte.
Subventionen für die Landwirtschaft fließen ausnahmslos in ökologische und biologische Produktionsweisen bzw. in Betriebe, die unmittelbar beginnen, sich entsprechend umzustellen.

Diese wirklich wenigen Beispiele reichen vermutlich, viele Menschen denken zu lassen: „Ziemlich irre und utopisch, das…“
Dem wäre dann lediglich noch mit Bertolt Brecht entgegenzuhalten, dass man sich doch bitte die Frage stellen möge, warum es uns irre und utopisch erscheint. Und schließlich, nach welchen Prioritäten wir das beurteilen.

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