Klassik und Scham – Novembertage in Weimar

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Heimat der deutschen Klassik. Zwischen Goethe, Schiller, Bauhaus, Liszt und Nietzsche. Namensgeberin des ersten deutschen demokratischen Staates. Aus der dritten Etage des neuen wunderbaren Bauhaus-Museums inmitten von Weimar sieht man deutlich den Glockenturm, ein in der DDR-Zeit 1958 errichtetes Mahnmal am Rande des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Buchenwald. Dort wütete von 1937 bis 1945 die dunkle Seite der deutschen Seele. Ganz nahe, das Barackenlager für jeden sichtbar in der schmucken Stadt der Dichter und Denker, herrschte das unvorstellbare Grauen. Aber so, wie meine Generation (Jg. 1950) damit gestillt wurde: „Wir wussten ja nichts, ich habe niemanden erschossen“ schauten Bürger und Bürgerin weg, verleugneten, nicht zuletzt sich selbst.

Trotz aller Aussöhnung und auch Versöhnung mit unserer eigenen Eingebundenheit durch das Feld unserer Vorfahren – es bleibt eine Scham, die sich noch immer mischt mit abgrundtiefer Fassungslosigkeit.
Inmitten rationaler Erklärungsversuche ragt monumental der Kern des Unbegreiflichen empor. Massenmord am Schreibtisch zu planen, ist hinsichtlich einer menschlich eingefrorenen Empfindungsgabe, gepaart mit Hass, Verachtung, Gleichgültigkeit und rechtfertigt als Pflichterfüllung noch irgendwie vorstellbar. Dafür steht Eichmann, als Prototyp und logistische Vollendungsmaschine in Einem. Hannah Arendt, philosophische Berichterstatterin im Eichmann-Prozess in Jerusalem, charakterisierte ihn weniger als die Inkarnation des Bösen oder einen Dämon, sondern als einen „Hanswurst“, ein menschliches „Niemand“ und erschreckenderweise „normalen“ Deutschen seiner Zeit.
Das Gedachte und am Schreibtisch geplante aber zu vollziehen, den Schrecken der Entmenschlichung willentlich und in höchster Systematik mit eigenem Geist und den eigenen Händen zu betreiben und anzuheizen – das entzieht sich für mich jeglicher Vorstellbarkeit und Kategorisierung mittels menschlicher Sprache. In diesem Moment tritt das Humanum außer Kraft. Es gelten Maßstäbe, die weder durch Philosophie noch das Rechtssystem angemessen erfassbar sind. Und genau in diese Richtung zielte Theodor W. Adornos „Hinweis“ von 1949, dass nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, barbarisch sei.

Trotzdem haben wir nicht aufgehört, Gedichte zu schreiben und nach Erklärungen zu suchen. Gott sei Dank. Denn das ist letztendlich das einzige, was wir dem vormenschlichen Barbarentum inmitten von uns entgegensetzen können: Verstehen, was geschah und was geschieht und warum es geschah und geschieht …. vertrauen auf die Kraft von Schönheit und Ästhetik, aus Liebe zum Sein und in klarer und vollkommen unmissverständlicher Haltung. Wissend schließlich, dass wenn wir nicht verstehen, gerade auch das, was in uns selber verborgen lebt, sich Geschichte wiederholen wird; in der Form und auf die Weise jeweils ihrer Zeit.

Buchenwald ist lange her, sagt man. Doch solche Potentialität des Grauens ruht als schwarzes Feld der Seele in mehr Menschen, als wir uns vorstellen mögen. Deshalb ist dieser Ort, so wie andere Stätten der Erinnerung auch, nur auf einer chronologischen Ebene Geschichte.
Als ich mit meiner Frau in diesen Tagen, Anfang November, dort war, erschien es, als seien wir inmitten. Solches ist nie vorbei. Und rational scheitert Annäherung. Es bleibt ein Letztes. Wenn du es an dich heranlässt und selbstehrlich bist Wie hätte ich mich in jenen Jahren als Bürger und Bürgerin von Weimar, oder gar als Wachmann und Aufseherin verhalten? kannst du der Scham nicht entkommen. Und das ist gut. So beginnt durch die Melange von Erkennen, Erspüren und ungeschminkter Selbstehrlichkeit die posthistorische Heilung.

(Foto: 4. November 2021, neben dem Krematorium, Buchenwald)

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