Gottesfinsternis und Treue

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Gottesfinsternis und Treue

Der Halt, den wir im Resonanzraum des Göttlichen finden, ist trotz kostbarster Erfahrungen nicht ohne wiederkehrende Anfragen. Sie haben mit der verbleibenden Verborgenheit des Göttlichen zu tun und mit der Finsternis, die sich dann in uns ausbreitet. Dein Streben nach Gewissheit scheint sich in einem undurchdringlichen Nebel im Nichts zu verlieren. Erkennst du jetzt nicht, dass deine Gottessehnsucht, das Verbergende und das Verborgene zusammenhängen und einander bedürfen, dann besteht die Gefahr, dass das Vertrauen schwindet und alle darauf gegründete Zuversicht. Die Sehnsucht nach dem Absoluten und das zugleich Verhüllte bilden den Anstoß, ja den Sog, immer wieder über sich hinauszuwachsen, aller Dunkelheit zum Trotz. Denn in der Vorstellung zu leben und zu verharren, nur sich selbst zu haben und Gott allenfalls als lebensdienliche Fiktion zu sehen, die bei jedem näheren Hinschauen entschwindet, kann furchtbar sein. Wo wäre dann noch ein das persönliche Wissen überschreitender Anspruch auf Wahrheit, wenn das einzige, das wir mit Sicherheit zum Ausdruck bringen können, der Mangel an Wahrheit und an Gewissheit ist?

Gewissheit und das unerkannt Verbleibende hängen also zusammen. Martin Buber spricht das an, wenn er in Bezug auf das biblische Gottesbild betont, dass „der lebendige Gott ein nicht bloß sich offenbarender, sondern auch ‚sich verbergender’ Gott ist.“ Dessen Quintessenz ist das Absolute, nicht das Singuläre und Bedingte. Deshalb kann er in den Erscheinungen des Lebens zwar erspürt und in einer seiner unzähligen Facetten erkannt werden, doch eben nie ganz. Immer öffnet sich nur ein Fenster zu einem Ausschnitt des Absoluten hin, das nicht mit dem Ganzen selbst verwechselt werden sollte. Hinter dem Relativen und Gewordenen bleibt das Unergründliche, das dem Absoluten eigen ist. Gleichwohl zeigt es Stufe um Stufe mehr von seinem Wesen – vorausgesetzt, der Mensch neigt sich unter dem Einsatz seiner ganzen Person zum wahrhaften Hören. Oft fehlt die Bereitschaft zu eben diesem Hören und dann wird enttäuscht und frustriert das sogenannte Schweigen Gottes oder gar dessen Tod proklamiert.

Der Mensch kann der Gottesfinsternis und der empfundenen Leere nicht ausweichen. Das lehrt nicht zuletzt das Gefühl der Verlassenheit und der Angst Jesu in der Getsemani-Nacht am Ölberg in Jerusalem. Jene metaphysische Beklemmung, die damit einhergeht, dass sich das Ziel all meines Sehnens zu entziehen scheint, will als Forderung und Impuls verstanden und angenommen werden. In bildlicher Sprache können wir sagen, dass sich das Mysterium der Verhüllung zwischen Himmel und Erde ereignet, um auf die Symbiose beider zu verweisen. Und deshalb ist es allein weder mit dem irdischen Verstand zu verstehen noch mit einer ins Jenseitige sich flüchtenden Vergeistigung.

Die Gottesfrage also geht nicht mit Sicherheiten einher, die aus Verstandeskräften oder sinnlichen Wahrnehmungen zu umfassenden Antworten führen. Stattdessen bleiben nur der Verzicht auf die Suche nach solchen Sicherheiten und das Ungewisse, das es zu wagen gilt. Jeder weitere Schlüssel und jegliche weitere innere Gewissheit liegen genau in diesem Wagnis und in der daraus folgenden Hingabe.

Auf die Dunkelheit, die dich immer wieder einhüllt, triffst du als suchender und strebender Mensch in dem Raum zwischen Erwartung und Erfüllung. Gemeinsam sind hier beide präsent. Es ist somit auch der Raum des göttlichen Zuspruchs. Er will bereitet und gepflegt sein! Eine authentische und energetische Religiosität lebt von der Beziehung. Sie bedarf ihrer, wie der Beziehung zu einer lebenden Person. Hierin liegt der tiefere Sinn, das Göttliche als personal zu verstehen, auch wenn es immer mehr als das ist und deshalb nie wirklich vollständig zu greifen. Doch Beziehung mit all ihren zentralen Attributen wie Liebe, Sehnsucht, Selbstzurücknahme, empathische Zuwendung und Hingabe können wir wohl nur leben als Verhältnis zwischen Ich und Du. Es geht also in dem Miteinander zwischen Mensch und Gott nicht darum, dass eine als „Person“ gedachte Gottheit das Ganze verkörpert, sondern dass der Mensch sich zu dieser Gottheit als bewusstes Leben, das ihm gegenüber steht und ihn umgibt, verhält. Im Verhalten und im Handeln nähern wir uns dem Göttlichen und seiner Schöpferkraft an, gehen in Resonanz und werden in der uns möglichen Weise eins. Es stehen sich somit nicht reines Schöpfertum und ein willenloses, unterwürfiges, in Distanz verharrenden Geschöpf gegenüber, sondern beide zeigen sich als aufeinander verwiesen. Du antwortest in dieser Verbindung auf die Möglichkeit Gottes, dir als Person zu begegnen. Das ist die Weise, in der schließlich das menschliche Wollen und Handeln aus seiner Einsamkeit ins Zentrum des kosmischen Schöpfungsprozesses eintaucht. Das menschliche Wesen streckt sich zwischen Himmel und Erde und wird so seiner Berufung gerecht, Immanenz und Transzendenz zu verbinden. So leisten wir unseren Beitrag zur Verwandlung der Welt.

Wir sind gefordert, das Dunkel als dem Göttlichen zugehörig nicht nur zu verstehen, sondern es auch anzunehmen. Es ist eine für das, was wir „Gott“ nennen, wesentliche Weise zu lieben. Es entreißt aus der Verfangenheit in die eigenen Bedürfnisse und Wunschwelten. Der Zweifel will durch Gewissheit im Handeln neutralisiert und widerlegt sein, aller scheinbaren Paradoxie zum Trotz. Treue in einer Beziehung und damit auch die Treue zu Gott besteht ihre größte Bewährungsprobe im Nichtverstehen des Du und im aufkeimenden Zweifel. Wachsende Empfindungsfähigkeit für die Berührungen aus dem transzendenten Raum und eine wachsende Geborgenheit sind die schönsten Früchte dieser Treue. Doch es sollte auch nicht übersehen werden, dass erst in der Treue des Menschen zur göttlichen Welt, selbst in den Stunden tiefster Einsamkeit, seine Sehnsucht Bestätigung findet und er sich somit selbst die Treue hält.
Was wir dazu brauchen fragst du…?
Den Geist universaler Verbundenheit, der nicht zuletzt in der Theophanie des Alltäglichen und der Natur zum Ausdruck kommt; eine unmissverständliche Klarheit und Reinheit von Erkennen, Denken, Sprechen und Handeln; eine alles umfassende und integrierende Liebe; ein wahrhaft bedingungsloses Vertrauen durch den Tod hindurch.