Ist das Sünde?

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Ist das Sünde?

In meinem Blog vom 28. Juni über „elementare Befindlichkeit“ habe ich die Liebe angesprochen als das, was allein unserem Leben und Sein Sinn gibt. Jedoch, die Liebe zu veredeln, wird uns von dem, was Sünde genannt wird, vermutlich nicht grundsätzlich befreien. Diese bleibt dem Menschen als eine jederzeitige Möglichkeit eingegeben. Wir können sie verstehen als Mahnung des Endlichen, des Bedingten und des Vorläufigen. Sie erinnert an unsere Unvollkommenheit. „Sünde“, das meint, dass der Mensch sich in eine existentielle Trennung von seiner eigenen potentiellen Größe begeben hat. Und er nimmt diese Trennung hin bzw. hat es aufgegeben, sie zu überwinden. So verbirgt sich das vor uns, was wir das „Gute“ nennen. In der sogenannten Sünde verweigert sich ein Mensch der Selbstfindung und Selbstbestimmung. Damit verfehlt er sich. Und mit sich verfehlt er auch das Ganze.

Sünde wird real nicht erst im Tun, sondern sie entsteht bereits als Gedanke, in dem sich die dann willentlich getroffene Entscheidung vorbereitet. Unsere Gedanken erscheinen als infiltriert, getrübt und abgewendet von dem Lichtstrahl einer Liebe um ihrer selbst willen. Sie setzen das Endliche und Vergängliche absolut. Die Herrschaft der Triebe, der Affekte und der Sinnlichkeit stehen dafür. Damit wir uns nicht falsch verstehen – Sinnlichkeit an sich ist das vielleicht wunderbarste Geschenk des Lebens an sich selbst. Doch sie kippt zur Triebsteuerung, wenn sie als Zielpunkt Liebe für den schnellen und selbstsüchtigen Kick instrumentalisiert. In den sieben sogenannten Todsünden – Hochmut/Stolz, Geiz, Völlerei, Neid, Unzucht, Zorn und Trägheit/Acedia – wird die Vergötzung des Endlichen theologisch zum Ausdruck gebracht. Jeder Mensch trägt die Anlagen dazu in sich. Doch zur „Todsünde“ werden diese Verhaltensweisen erst, wenn sie bewusst, zustimmend und gewollt ins Leben und das Verhalten treten. Beispielhaft verdeutlicht das die literarische Gestalt des Don Juan, dem Inbegriff des narzisstisch verblendeten Frauenhelden. Sein auf selbstsüchtige Lust gerichteter Befriedigungszwang degradiert jedes ihm in Intimität begegnende Du zum Objekt seiner Begierde. Es wird austauschbar. In dieser Haltung des Missbrauchs kommt es zu einer tiefliegenden Störung und Verletzung des Zusammenlebens. Die Würde des anderen und damit auch die eigene werden verwundet. Don Juan produziert Opfer. Er steht für die Deformation eines Charakters, die aus unreflektierter Gewöhnung an seine Eigenschaften erwächst. Indem er seine Vergänglichkeit negiert, erniedrigt er sich selbst zur tragisch-lächerlichen Gestalt, die an dem zerbricht, was sie sich als höchstes Gut erwählte.

Sünden bereiten sich langsam und schleichend im Menschen vor. Schritt um Schritt ergreifen sie den inneren Raum. Sie machen sich Affekte dienstbar, die noch immer tief auch im modernen Menschen ruhen. Sie bleiben entfesselt und verroht, solange sie nicht von Kultur und Wachstumsstreben verfeinert werden. So betrachtet, kann die Sünde als Anreiz und Erinnerung gesehen werden, immer wieder neu zu beginnen und sich in eine innere Ausrichtung zu begeben, die in Resonanz mit der Energie unerschöpflich fließender Liebe stellt. Dann offenbart gerade die sogenannte Sünde eine heilende Qualität, die selbst den Anstoß zu ihrer Überwindung gibt!

Auch hier weist Selbstreflexion uns den Weg. Es ist das Erkennen des unangemessenen Denkens und Handelns, das dem Verstehen und dann den entsprechenden Konsequenzen voraus geht. Vorbehaltlos, offen, ja liebevoll will die eigene Geschichte inklusive ihrer sogenannten Abgründe betrachtet werden. Zu mir selbst in eine Art überpersönlicher Zeugenschaft zu treten, hilft dabei. Sie bewahrt uns davor, in tränentriefenden Schuldvorwürfen zusätzlich Wunden zu reißen und damit die notwendige Klarheit doch einfach nur sentimental zu vernebeln.