Vor der Wahl

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Vor der Wahl

Dass eigentlich alle Gesellschaften der Gegenwart – und vor allem: ihre Repräsentanten – meinen, in ihrer Sicht der Dinge und in ihren Problemlösungs- strategien ohne Rückbezug auf die großen Denker der Vergangenheit und Gegenwart analysieren und agieren zu können, macht einen Teil des politischen Dilemmas, in dem wir leben, aus. Philosophen, Liebhaber der Weisheit und Visionäre sind an den Verhandlungstischen der Machteliten nicht unbedingt willkommen. Und so werden Gegenwart und Zukunft nicht als große Menschheits-Entwürfe erträumt, erstrebt, entworfen und mit Pioniergeist und Leidenschaft angegangen, sondern sie werden schlicht und einfach bieder und uninspiriert gemacht. Das Deutschland der Gegenwart ist dafür das beste Beispiel. Über Generationen gewachsene Intransparenzstrukturen schließen dabei eine wirksame Kontrolle durch die Bürger aus, vor allem was das letztendlich zugleich Ineffiziente und Zerstörerische an dieser Politik betrifft. Politik und Mainstream-Medien bilden in dieser Schwundform des Potentiellen und dem Arrangement mit einer vollends entzauberten Welt eine stille Allianz. „Alternativlos“ lautet der Kampfbegriff dieses desaströsen Herumwurstelns, begleitet durch die Diskriminierung bzw. Verhöhnung ausgesprochener Alternativen. Die kulturelle Schwächung schreitet dadurch dramatisch fort, und zu ihr gehört die Abkehr der Menschen von der „klassischen“ Politik und ihren Institutionen, ja das Umschlagen von Vorbehalten in pure Verachtung. Diese gesellschaftliche Erosion zeigt sich neben der Enthaltung bei demokratischen Prozessen wie Wahlen vor allem in Endlosschleifen politischer und sozialer Ressentiments, die ihre eigenen Organisationsweisen wie AfD und Pegida hervorbringen. Wo sich das Gegenwärtige nicht verbindet mit der leuchtenden Vision vom Zukünftigen, fehlt ein anziehender Identifikationsraum und wird schließlich auch das Gefühl solidarischer Verbundenheit mit dem kulturellen Ganzen geschwächt. Spiegelbildlich dazu steigt die Faszinationskraft fundamentalistischer Ideologien vor allem dann, wenn sie mit Verve, Kompromisslosigkeit und dem gewollten Tabubruch einhergehen.

Dieses Schauspiel der Gegenwart gilt es zunächst nüchtern zu betrachten, es als existent zu akzeptieren und vor allem auch unsere Rollen zu sehen und zu verstehen, die wir inmitten spielen. Es macht keinen Sinn, sich von einer Realität zu distanzieren, die unabänderlich da ist und deren Teil wir sind. Nur eine Realität, der wir uns trotz aller Grenzwertigkeit teilhaftig fühlen, lässt ein authentisches Verstehen zu. Nur sie können wir auch von innen heraus verändern. Von einem virtuellen äußeren Fluchtpunkt aus, durch innere Emigration und/oder in einer bewusstseinsmäßigen Abspaltung wird das nie gelingen. Erosionen verlaufen immer als Prozesse, in denen zugleich Gestaltungsoptionen existieren. Zeitalter gehen nie bruchhaft zu Ende, auch wenn wir schon längst in der Beobachtung des Ablebens stehen. Darauf gilt es sich zu konzentrieren. Dort liegen unsere Möglichkeiten, erscheinen sie uns zunächst auch noch so sonderbar. Gesellschaft und Kultur, die sich nicht als ein dem Leben dienender Experimentierraum verstehen, haben keine Überlebenschance. Sie erstarren und sterben an ihrer mittelmäßigen Gewöhnungskultur, oder sie radikalisieren sich rückwärtsgewandt – oder beides greift ineinander.
Das Verhängnis ruht in dem „Weiter so“!
Dagegen müssen wir uns erheben – in der Liebe und aus der Liebe zum Leben….
In diesem Sinne: „Gute Wahl!“