Was für eine Vision?

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Was für eine Vision?

Wir lesen bereits in der Hebräischen Bibel, dem sogenannten Alten Testament, dass ein Volk ohne Vision zugrunde gehe. Doch gilt dies nicht nur für eine Land, ein Volk oder eine Gesellschaft. Es gilt dies im selben Maße für alle Formen menschlicher Vereinigungen – bis hin zur Paarbeziehung. Die Vision zieht uns, sie gibt uns Richtung. Umso erschreckender auch in diesem Wahlkampf wieder, der gerade zu Ende gegangen ist, dass neben allem Wortgeklingel nirgendwo eine Ahnung zu erspüren war, welche Vision denn lebt von einem gelingenden Leben in einer mit dem Leben versöhnten Gesellschaft und Kultur. Aber natürlich stellt sich an dieser Stelle zunächst die Frage, was eine Vision denn eigentlich ist.

Ansteckung für den lustvollen Aufbruch in eine lebenswerte und dem Leben dienende Zukunft charakterisiert das Wesen der Vision. So stiftet sie Sinn. Sie begeistert, ermutigt, hält auf dem Weg und nährt. Verwirklichung geschieht durch den Aufbruch als Prozess und die damit verbundenen Gegenwartsveränderungen.
Die Vision baut Spannung auf, nämlich die zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“. Und diese Spannung zieht und hält wach, auch wenn sie mir immer wieder die Differenz verdeutlicht, die zwischen der Idee und der Verwirklichung liegt. Erst wenn ich der Täuschung erliege, die Vision eins zu eins in Lebenspraxis umsetzen zu können, wird sie zur Illusion und damit unter Handlungsgesichtspunkten kontraproduktiv. Dann auch entfaltet sie ihre destruktive Wirkung, die aus der Enttäuschung über das Nichterreichbare resultiert und die sich in einer Bandbreite zwischen Ohnmachtserfahrung, Frustrationsgefühlen, Zynismus und Terror bewegen kann.

Sei die uns umgebende Realität auch noch so unerträglich und lebensfeindlich, nie darf sie eine Macht entfalten, in der Vision zu einem realitätsfernen Fluchtvehikel in die eine oder andere Richtung missbraucht wird. Die Herausforderung menschlicher Existenz liegt immer inmitten des Lebens. Von dort beginnt der Weg in das darüber hinaus mit der Vision als Leitstern. Es ist in diesem Sinne also durchaus angebracht, ja notwendig, das visionäre Denken, das sich im geistigen Bild für die Zukunft zu erkennen gibt, mit dem Auge der Nüchternheit zu betrachten und in der Unterscheidung der Geister nicht nachzulassen. Dies soll gerade unter dem Vorzeichen betont werden, dass der Lockruf, ja der Eros der Vision aus dem Verborgenen kommt, versehen mit dem Charme und der Verführungskraft des noch Verhüllten.

Das Richtungselement, das in der menschlichen Evolution ruht, will immer wieder neu entdeckt und gesehen werden. Es bildet das Zugseil des Visionären. Es hält uns in Bewegung als die Unruhe des Unvollendeten. Heute erzählt es uns davon, dass es nach den Erfahrungen der zurückliegenden Zeitalter nicht mehr reicht, ein bisschen weniger schlecht zu sein und ein bisschen mehr Trägheit zu opfern.

Immer wieder gab es in der Geschichte Kristallisationen dieser Unruhe und der daraus emporsteigenden Neugestalt. Denken wir etwa an die Erhebung des mittelalterlichen Menschen zum kosmischen Licht, wie sie in Entwurf und Bau der großen Kathedralen während der Zeit, die Hochgotik genannt wird, ihren Ausdruck fand. Die Architektur wurde hier zum äußeren Bild des wesenhaft Möglichen und durch die sinnliche Bindung, den Genuss der Augen, zur Erinnerung daran. Wer einmal in der Kathedrale von Chartres (erbaut 1194–1260) als der Wohnung des Lichtes stand, vermag dies nachzuvollziehen. Visionäre Ausstrahlung wird hier im wörtlichen Sinne sichtbar.
Das Bild von der Kathedrale lehrt uns aber noch ein weiteres: Visionen können entworfen und gebaut werden. In ihnen konstruieren und verwalten wir das Erbe, das im Zukünftigen seine Heimat hat. Das noch nicht Verwirklichte und bislang nicht offen Zugängliche wird sicht- und begreifbar. Es entsteht ein alles durchdringender und alles umfassender innerer Erfahrungsraum. Wir nehmen die Selbstverständlichkeit endlich konstruktiv an, dass hinter jeder Zukunft der Mensch steht. Und so will die Vision nach guten und lebensdienlichen Wünschen gestaltet und nicht lediglich bewältigt sein, sich nicht im bloßen Reflex auf die Unzulänglichkeiten des Gegebenen erschöpfen. Denn dieses, dieser bloße Reflex, der das vorherrschende politische Handeln der Gegenwart auszeichnet, setzt keine wahre Lebensenergie frei. Vor allem stillt er nicht die Sehnsucht, die sich in der fortwährenden Suche nach einer besseren Welt zu erkennen gibt.

Die Vision schon selbst leistet ihren Beitrag zur Heilung der Welt. Einmal ausgesprochen, setzt sie gedankliche und seelische Energien frei und schafft so bereits Zukunft.