Sackgasse der Natur (?)

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Sackgasse der Natur(?)

In einem 1925 gehaltenen Vortrag wies der deutsche Soziologe Max Scheler darauf hin, dass der „… Mensch als Vitalwesen ganz ohne Zweifel eine Sackgasse der Natur …“ sei. Zugleich aber liege in ihm als Geistwesen der „herrliche Ausweg aus dieser Sackgasse.“ Dem Gedanken, dass nun das Reich des Geistes die Führung über eine absurde und in die Ausweglosigkeit treibende Seinsweise übernehmen muss, lässt sich zustimmen. Wandlung und die Freisetzung der in uns ruhenden Potenzen kann ohne einen Neuentwurf von Sinn, der neue Realitäten schafft, nicht erwartet werden. Dafür hat sich unsere Evolutionsstufe als zu selbstverliebt und zu blind, zu sehr auf die eigene Vermehrung bedacht, zu gefräßig und zu zerstörerisch in jede Richtung erwiesen. Doch sollte diese überfällige Einsicht nicht wieder in einen Dualismus führen, in dem das Geistwesen Mensch gegen das Leib- und Triebwesen ausgespielt wird. Vielmehr wird eine lebenswerte Zukunft gerade daran hängen, wie wir es vermögen, unsere Leiblichkeit und Bedürfnisstruktur in Harmonie mit dem zu fügen, was Erkenntnis, Weisheit und der Geist der Verbundenheit mit allem Leben vor uns entfalten. Die Frage ist demnach, ob wir endlich aus dem Tiefschlaf eines abgekapselten Egos erwachen und den Weg vom kleinen Ich zum großen Selbst finden.

Die Aufgabe der gegenwärtigen Generationen kann klar umschrieben werden: Legt die Fundamente, damit die Kommenden nicht nur eine Chance zum Überleben haben, sondern dass auch der Weg geebnet ist für eine Menschheit, die dem Ganzen dient und die darin ihre Erfüllung findet. So wird sie schließlich erkennen, dass dieser Dienst zugleich der beste und schönste ist, den sie sich selber tun kann. Der Geist unbedingter Welt- und Lebensbejahung, die mystische Seinsorientierung und die daraus sprechenden Wahrheiten werden sich dabei als kraftvoller erweisen als jede Macht der Verhältnisse. Mensch in der ihm möglichen Vollgestalt, Schönheit und Würde zu werden, ist kein illusionäres Traumgebilde.

Allerdings fordert die Überlebenskrise, in der Mensch und Mitwelt sich in der Gegenwart bewegen, ein Seins- und Kulturverständnis, das sich von den alten gescheiterten Rezepten der Moderne und Postmoderne emanzipiert. Das meint vor allem die Überwindung eines Fortschrittsbegriffs, der sich durch das Desaster, das er hinterlassen hat, eigentlich selber nicht mehr verstehen und begründen kann. Gleichzeitig erweist er sich aber immer noch als unfähig, sich zu transformieren bzw. sich radikal neu zu denken.

Ein solcher Neuentwurf hieße, jener Dynamik und Prozessoffenheit den Raum zu geben, die sich ganz der Botschaft der Liebe sowie der Sprache des Lebens und des Überlebens zuwendet. Das damit verbundene Erspüren, Entwickeln und Erforschen von Möglichkeiten wäre ein gewaltiges geistiges Experiment. Der Handlungsdruck dafür hat dramatische Ausmaße angenommen.
Ob wir ihn bestehen? Ob wir der Herausforderung gerecht werden, Kultur und Gesellschaft als einen Experimentierraum zu verstehen, der statt Rigorismus ein neues, lebensdienliches und heilendes Verständnis von Freiheit ausstrahlt?
Vermutlich würde der Prophet aus Nazareth an dieser Stelle das Gleichnis von Kamel und Nadelöhr erzählen und es in unsere Weltsituation einpassen. Nur sollten wir dann nicht wie der reiche Jüngling betrübt und handlungsunfähig von dannen ziehen (Mt. 19, 16 – 26), sondern das Trotzdem in uns erwecken.