Ich will verstehen

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Ich will verstehen…

Empathie ist eine besondere Wahrnehmungsweise. Sie hebt in das Bewusstsein, was Menschen verbindet, und sie aktiviert diese Verbindung. Vorsichtig tastend bewegt sie sich zwischen Nähe und Distanz, Fremd- und Selbstwahrnehmung, Ich- und Wir-Verständnis. Umschreiben lässt sich diese behutsame Bewegung als Zeugenschaft. Als Zeuge bin ich zunächst nicht an einer auf den Anderen gerichteten Problemlösung beteiligt. Vielmehr suche ich die unmittelbare Begegnung mit dem, was das Du berührt. Das macht die Empathie unterscheidbar vom Mitleid. Die fremde Empfindung, die ein Mensch einfühlsam wahrnimmt, darf nicht zu seiner eigenen werden, wenn er eine Situation und die Anteile anderer Menschen daran verstehen und in der Folge angemessen darauf reagieren will. Werden fremde zu eigenen Gefühlen, löst sich die für die Zeugenschaft unverzichtbare Beobachterperspektive auf. Die Koordinaten verschieben sich hin zu Sympathie oder Antipathie. Die Kunst der Empathie besteht jedoch darin, zunächst zu verstehen, ohne das Verstandene sogleich zu rechtfertigen, zu entschuldigen oder es zu verurteilen. Dazu gehört auch ein Verstehen, das die Unterscheidung in Opfer und Täter, wenn solche Rollen unmissverständlich bestehen, nicht aufhebt. Der Versöhnungsprozess im Südafrika der Post-Apartheid-Ära unter Nelson Mandela und Bischof Desmond Tutu kann hierfür als historisch herausragendes und gelungenes Beispiel gesehen werden. Dieses Beispiel zeigt auch, dass bei aller Verhärtung und einer über Generationen gewachsenen Abgrenzung empathische Prozesse und empathisches Verhalten lernbar sind.

Das einfühlende Verstehen, das wir Empathie nennen, setzt die Bereitschaft zur Ausrichtung auf das Gegenüber, und es setzt Empfänglichkeit voraus. Es lebt von der aufrichtigen Bereitschaft, das zunächst möglicherweise Fremde, Ungewohnte und auch Unverständliche trotzdem verstehen zu wollen. Es erfordert die Fähigkeit, zwischen Fühlen, Denken und Analysieren permanent zu wechseln. Dadurch werden dann Bedeutungs- und Verhaltensmuster des Gegenübers transparenter. Bevor ich allerdings in der Lage bin, die Erlebnisse, Gefühle und das Selbstbild des Anderen zu verstehen, muss ich mich selbst erkannt und verstanden haben. Nur so beuge ich Überlagerungen, Projektionen und blinden Flecken so weit wie möglich vor und lerne die Gründe zu verstehen, wenn eigene Emotionen das Fremdverstehen blockieren. Die Reflexion darüber, was mein eigenes Wahrnehmen bestimmt, gehört zu diesem Vorgang des Selbstverstehens und damit auch des Fremdverstehens. Denn es sind die Schleusen der Wahrnehmungen, die wesentlich kontrollieren, inwieweit Freude und Schmerz des anderen uns erreichen. So wirken persönliche Schmerzerfahrungen, die auf negativen Wahrnehmungen beruhen, als Filter, wenn mir Ähnliches beim anderen begegnet. Unbewusst gesteuerte Sinne agieren dann als innerer Schutzmechanismus zur Abwehr von Schmerz und Leid. Sie werden auf diese Weise zu konsequenten Gatekeepern der Wirklichkeit.