Aus dem Weg der Natur treten…

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Aus dem Weg der Natur treten

Die Erzählung von der Durchquerung des Schilfmeeres nach der Flucht aus Ägypten gehört zum Gründungsmythos des Volkes Israel. Im biblischen Buch Exodus steht dazu:

„Du aber, hebe deinen Stab empor und recke deine Hand aus über das Meer und spalte es, dass die Israeliten mitten im Meer auf dem Trockenen gehen können … Und Moses reckte seine Hand aus über das Meer, und der Herr trieb das Meer die ganze Nacht durch einen starken Wind zurück und legte das Meer trocken und die Wasser spalteten sich. So gingen die Kinder Israel mitten im Meere auf dem Trockenen, während die Wasser ihnen zur Rechten und zur Linken wie eine Mauer standen.“ (Exodus 14, 16-22)

Dazu fand ich folgende Geschichte aus dem Chassidismus, einer im 18. Jahrhundert entstandenen jüdischen Tradition, die u.a. sehr auf das Gefühl der Gläubigen setzt:

„Man fragte Rabbi Chanoch: ‚Warum sagt man: *Die Aufreißung des Schilfmeeres* und nicht: *Die Spaltung des Schilfmeeres*? Es steht doch geschrieben: ‚Er spaltete das Meer und führte sie hinüber.‘
Rabbi Chanoch erklärte: ‚Spaltung‘ deutet auf einen kleinen Spalt, ‚Aufreißung‘ meint einen großen Riss. Es wird erzählt, als Mose dem Meer befahl, sich zu spalten, habe es geantwortet, es wolle nicht Fleisch und Blut gehorchen und aus dem Wege der Natur treten; erst als es den Sargschrein Josefs erblickte, habe es getan, was ihm geboten war; deshalb werde im Psalm gesungen: *Das Meer sah und entfloh*. Es sah und erkannte, dass Josef, dessen Gebeine vom Volk in das Verheißene Land mitgenommen wurden, einst, da er der Versuchung widerstand, aus dem Weg der Natur getreten war. Da trat auch es aus dem Weg der Natur und riß sich selber auf. Darum sagt man: ‚die Aufreißung des Schilfmeeres.“

Mir ist diese Geschichte wichtig, da es sein mag sein, dass hier ein Gleichnis vorliegt über das Aufreißen des Bewusstseins.
Das mag von jedem von uns immer auch gefordert sein, zumindest als Bemühen: aus dem Weg der Natur treten. Darin wohl liegt die tiefe Spiritualität, wohl das kennzeichnet das, was mit dem Wort heilig umschrieben wird: Kinder der Erde sein und ganz auf ihrem Grund; und doch auch das Bindende und Fesselnde überwindend – und sei es nur den Augen-, nein Seelenblick lang einer völligen Selbstvergessenheit in göttlicher Einheit und jenseits materieller Energie in unendlichem Kraftstrom…So wird der Boden bereitet für das, was wir Wunder nennen, auch wenn wir das Wunder als Menschen nie zwingen können. Zu unserer Bringschuld muss die Gnade treten und zwar in jener Rechtzeitigkeit, die wir den Kairos nennen. In ihm vereinigen sich Zeit und Ewigkeit, Transzendenz und Immanenz, das Menschliche und das Göttliche….