Seinsangst und Hoffnung

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Seinsangst und Hoffnung

In eine neue, dem Leben dienende Kultur aufzubrechen, wird immer wieder auch mit dem Gefühl und mit der Vorstellung von Unsicherheit, ja existentieller Infragestellung verbunden sein. Dann mag auch Angst mit ins Spiel kommen. Das Pendel des Seins beginnt zwischen beflügelndem Aufbruchsgeist und der Schwerkraft, die Bestehendes und Vertrautes halten und sichern will, zu schwingen. So vieles in der Geschichte des Menschen ist dieser Schwerkraft letztendlich erlegen. Zu oft haben sich Beharrung und Gewöhnung und die darauf bezogene Trägheit als zu mächtig erwiesen und so noch die schönsten Aufbrüche blockiert, ja zugedeckt. Angst gehört neben der Beharrungsenergie zum Ursprung dieser Schwerkraft. Sie drückt einen Zustand aus, der sich auf etwas Bedrohliches und zugleich doch Unbestimmtes, ja Diffuses bezieht. Wir sprechen hier von einer Grundbefindlichkeit des Menschen, die in jedem von uns ruht, wenn auch in jedem Menschen auf andere Weise. Nennen wir sie Seinsangst. Es ist jene tiefe Empfindung und seelische Regung hinsichtlich des jederzeit drohenden Verlustes und Niedergangs. Ja es ist das abgrundtiefe Erschrecken vor der immer lauernden Möglichkeit des Nicht-Seins. Das kann dann sogar feindselig machen gegenüber den eigenen Möglichkeiten und gegenüber der Einsicht, dass nur das, was sich in Bewegung und Transformation befindet, noch lebt. Erstarrung ist eine Folge, verbunden mit der Suche nach einer festen und vermeintlich unvergänglichen Form. Diese Seinsangst ist der natürliche Gegenspieler des Visionären. Und als solcher will sie gesehen und verstanden, ja respektiert und wohl sogar gewürdigt werden. Denn die Erschütterung, die von ihr ausgeht, zwingt zugleich zur fortwährenden Auseinandersetzung mit einem nach vorne gerichteten Bewusstsein. So können wir bewahrt werden vor Hybris und vor Vermessenheit, die gleichfalls dem Visionären beigegeben sind. Manchmal geben sich in dieser Befindlichkeit auch Anzeichen dafür zu erkennen, dass eine bestimmte Entwicklungsstufe in unserem Sein begonnen hat sich zu erschöpfen. Die angestaute Energie, die als Angst ans Licht tritt, kann dann zu einem Fingerzeig für neue Wege werden, die aus der Verunsicherung führen. So mag aus Angst heraus gar ein vorsichtig neu erwachendes Vertrauen entstehen.

In dieser durch Verunsicherung und Angst provozierten Neuausrichtung des menschlichen Seins kommt der Hoffnung eine besondere Bedeutung zu. Aus den vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungen gewachsen, richtet sie sich auf das Kommende. Im Ringen um ein noch unerkanntes Morgen stärkt sie das Hindurch, gibt den geistigen und körperlichen Abwehrkräften Nahrung. Sie stützt die Vision. Hoffnung – wohlgemerkt als orientierende und tätige und nicht als blinde Hoffnung – führt der Einheit von Leib und Seele da neue Energie zu, wo das Leiden an der Gegenwart die Kräfte zu verzehren droht, die ein Umsteuern einfordert. So betrachtet, hieße Hoffnung aufzugeben, die Zukunft zu verspielen.

Angst und Hoffnung in einem Gefäß können als Zaubertrank wirken in dem, was wir Kulturheilkunde nennen. Gelenkt durch die Vision führt dieses Lebenselixier in eine Antwort auf die Schwebesituation des Menschen zwischen Schon-jetzt und Noch-nicht. Es schenkt vertrauende Erwartung und kräftigt damit das Durchhaltevermögen selbst in Zeiten wie diesen.

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