Demut und Hingabe

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Demut und Hingabe

„Demut“ klingt in manchen Ohren unterwürfig, ja kriecherisch. Doch richtig verstanden, sprechen wir hier von jener inneren Haltung, die als tiefer Respekt vor der Größe der Seinswirklichkeit geboren wird. Dadurch, dass sie in einer tiefen Verbundenheit mit dem Leben steht, widerstrebt sie der Selbstüberschätzung, der Selbstüberhöhung und damit einhergehender Ich-Verhärtungen. Demut wird kraftvoll in der Anerkennung und Akzeptanz der eigenen Grenzen und in der Einsicht, dass immer eine Differenz zwischen dem als Ideal Erkannten und den eigenen Möglichkeiten besteht. Gleichzeitig stellt wahre Demut nicht das im Menschen strahlende Licht unter den Scheffel. Sie blockiert auch nicht die in ihm ruhende und auf Befreiung wartende Potentialität. Sie sollte also nicht mit Sklavenbewusstsein verwechselt werden.

Demut heißt, im Dienst am Ganzen zu stehen. In der Demut wendet sich der Mensch dem anderen Leben zu, ermutigt, baut auf, ermöglicht. Er stellt sich damit aktiv seiner universalen und zugleich konkreten Verantwortung und arbeitet an der Überwindung erkannter Schwächen. Er nimmt sich da zurück, wo dies die Chancen auf Befreiung und Verwirklichung des Anderen stärkt. So wird die eigene Demut zur Energie des Du. Doch auch Demut kann in Hochmut und Stolz führen. Das ist ihre naturhafte Gegenseite. Verhärtet sie zu einem Prinzip und verleitet in der Folge dazu, die eigene Demutshaltung mit jener anderer Menschen zu vergleichen, dann kann ausgerechnet die Selbstzurücknahme den Ausschlag dafür geben, sich über den anderen zu erheben.

In der Hingabe findet die Demut ihre Vollendung. Nichts wahrhaft Großes entsteht ohne sie. Als Willensakt setzt sie jedoch das Bewusstsein voraus, dass alles Sein auf eine universale Weise zusammenhängt. Wie die Zelle eines Körpers, die ihrem Auftrag nachkommt, der Entwicklung und dem Erhalt des Ganzen um den Preis des eigenen Seins zu dienen, nimmt sich ein Mensch im Akt der Hingabe von seinem Urtrieb nach bloßer Selbsterhaltung zurück.

In der Hingabe brechen wir mit der Fehlsicht, unser Leben ganz aus eigenen Kräften heraus gestalten und bewältigen zu können. Die Leidenschaft, die in der Hingabe als einer momenthaften Selbstvergessenheit lebt, hebt die konstruierten Grenzlinien zwischen Liebe, Leid und Vergänglichkeit auf. Und so ist die spirituelle Bedeutung der Hingabe unermesslich. Sie erst macht, in Verbindung mit der Vergebung, das möglich, was wir Erlösung nennen. Denn im letzten Grunde richtet sich alles Hingeben auf das Absolute, auf das Göttliche selbst. Nur hier findet ein Mensch jenes Vertrauen und jenen Halt, bedingungslos Ja zu sagen und sich in schutzloser Offenheit zu verschenken.

Durch die Hingabe und das ihr vorausgehende Vertrauen nimmt im Menschen das Göttliche seine befreiende Gestalt an. Es ist die Antwort auf das, was wir als Endlichkeit erfahren.