Ich habe resigniert

clausAllgemein

In dem immer wieder vergeblichen Anrennen gegen das, was ich ändern möchte; in der gefühlten Ausweglosigkeit einer Situation und ihrer Unabänderlichkeit; wenn wir keine Einflussmöglichkeiten mehr sehen; wenn unsere Kraft und Energie und mit ihnen die Zuversicht schwindet; wenn wir schließlich aufgeben, die Segel streichen; dann, so heißt es, haben wir resigniert. Was uns einst bewegte und führte ist geschwunden. Pläne sind zerrissen, Erwartungen enttäuscht und darauf bezogene Hoffnung zerstoben.
Wer resigniert, hat verloren, ist zumindest sehr geschwächt. Er musste sich Verhältnissen beugen, die stärker sind. Der Schatten, der immer zwischen die Idee und die Wirklichkeit fällt, hat den Antrieb zur Veränderung überdeckt. Jetzt haftet ein Makel an dir. Es ist der Makel unmissverständlich aufgezeigter Grenzen.

So ließe sich wohl der landläufige Blick auf das charakterisieren, was wir Resignation nennen. Doch hinter dieser oft so ernüchternden Begegnung mit dem Leben wartet – wenn wir unser Bewusstsein dafür offen halten – eine ungleich tiefere, ja existentielle Erfahrung und Einsicht. Albert Schweitzer (1875 – 1965) geht auf sie in ‚Aus meinem Leben und Denken’ ein:

„Wahre Resignation besteht darin, daß der Mensch in seinem Unterworfensein unter das Weltgeschehen zur innerlichen Freiheit von den Schicksalen, die das Äußere seines Daseins ausmachen, hindurchdringt. Innerliche Freiheit will heißen, daß er die Kraft findet, mit allem Schweren in der Art fertig zu werden, daß er dadurch vertieft, verinnerlicht, geläutert, still und friedvoll wird. Resignation ist also die geistige und ethische Bejahung des eigenen Daseins. Nur der Mensch, der durch Resignation hindurchgegangen ist, ist der Weltbejahung fähig.“

Das Leben selbst des großen Menschheitslehrers und Praktikers der Nächstenliebe, bewahrt uns davor, diese Sicht misszuverstehen als Absage an jede notwendige Veränderung. Ja, im Gegenteil. Solche Resignation und die damit verbundene Beruhigung und Besinnung führen in einen neuen Realitätssinn, was unsere wahren Möglichkeiten anbelangt.

Es geht um die erlittene und schließlich erlangte Freiheit von so manchen Schicksalswendungen des Lebens. Wir könnten gar davon sprechen, in ein Freisein von der Welt gehoben zu sein. Die Lebensanschauung läutert sich. Es wächst eine übergeordnete, ja transzendente Akzeptanz des Seins in seiner immer auch bleibenden Unergründlichkeit, ja Sinnferne. Wir lernen uns dem hinzugeben, ohne uns aufzugeben. Es wartet jene heilsame Passivität, die sich mit den mir gegebenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten bescheidet.

Resignation in diesem Sinne lässt durchatmen. Sie schenkt Erholung. Wenn du dann wieder aufstehst und dich streckst, wartet eine neue Freiheit; es ist die Freiheit, sich auf Anderes auszurichten – oder besser: sich auf anderes Leben hin zu öffnen und zu orientieren! In seiner ‚Ehrfurcht vor dem Leben’ schreibt Albert Schweitzer dazu:

„Resignation ist die Halle, durch die wir in die Ethik eintreten. Nur der, der in vertiefter Hingebung an den eigenen Willen zum Leben innerliche Freiheit von den Ereignissen erfährt, ist fähig, sich in tiefer und stetiger Weise anderm Leben hinzugeben.“

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