Stimmig mit sich selbst sein

clausAllgemein

Hinsichtlich der Frage, wer wir sind, vor allem, wer wir für uns selber sind, setzt Identität den Rahmen, und sie füllt ihn zugleich aus. Die Identität zeigt das Bild, das ich von mir entworfen und gestaltet habe und mit dem ich mich stimmig fühle. Dies könnte zu dem Missverständnis führen, dass die Person eine Identität hat. Jedoch ist gesunde Identität etwas, das sich in einem kontinuierlichen Wandel befindet. Er folgt den Veränderungsprozessen und Transformationsräumen, die wir im Leben auf den verschiedensten Ebenen durchschreiten. Körper-Identität, Gefühls-Identität, Geist-Identität, Sozial-Identität, Seelen-Identität, All- bzw. kosmische Identität fügen sich dabei in der Identität einer Persönlichkeit zusammen. Identität kann so als ein Integral verstanden werden. Nach Roberto Assagioli (1888-1974), dem Schöpfer der Psychosynthese und einem der Mitbegründer der Transpersonalen Psychologie meint das u.a., dass wir über eine Körper-Identität verfügen, diese alleine aber nicht sind, genau wie wir über eine Gefühls-, Verstandes- und Wünsche-Identität verfügen und diese jeweils alleine nicht sind. Im Letzten, so Assagioli, sind wir reines Bewusstsein und reiner Wille, der diese Teil-Identitäten immer übersteigt. So weit das Ideal.

Es ist jedoch gerade für unsere Kultur nicht untypisch, eine bestimmte Identitätsvorstellung bzw. einen bestimmten Identitätsentwurf von sich absolut zu setzen. Ich fixiere mein Selbstbild und sehe es als dauerhaft an. Ich richte mich in einer Teil-Identität, etwa der Gefühls-Identität ein, ja schließe mich in ihr ein. Damit steigt das Risiko, sich in eine existentielle Krise zu begeben. Die betroffene Person entzieht sich dem Fluss des Lebens. Sie begibt sich in die Gefahr, an der damit verbundenen Starrheit und der aus ihr resultierenden Wahrnehmungsblockade zu zerbrechen. Das Leben, das sie ganz auf einen bestimmten Aspekt, bestimmte Wünsche, Wahrnehmungen und/oder bestimmte Empfindungen hin fokussiert und einengt, läuft dann an ihr vorbei, während sie schmerzhaft versucht, etwas zu halten oder gar wiederzugewinnen, was schon lange nicht mehr existiert. Alternde Spitzensportler, die sich fortwährend an ihren einstigen Erfolgen messen und die Wandlung ihrer Körperlichkeit nicht wahrnehmen und annehmen wollen; Politiker, die nicht erkennen und respektieren, dass Macht ein zeitbedingtes und auf Zeit gegebenes Charisma ist, sind dafür Beispiele. Letztlich gilt dies potentiell für nahezu alle Zustände in unserer Existenz. Und es schließt Träume und Illusionen als das, was nie wirklich da war und doch sehnsuchtsvoll gehalten wird, mit ein.

Identität in ihrer integralen Bedeutung meint somit die erlebte Einheit einer Person mit sich, der Welt und der überpersönlichen Ebene. Sie gestaltet sich als Folge eines fortwährenden selbstreflexiven und Sinn stiftenden Prozesses.

Will ich meine Identität erkennen, so muss ich nach ihr suchen. Suche und Sehnsucht halten die erforderliche Selbstreflexion in Gang. Sie helfen, die Macht der geistigen Gebilde und Ideologien genauso zu erkennen und zu durchschauen, wie die materiellen und gesellschaftlichen Strukturen. Denn beide können blockierende Auswirkungen auf mich und mein Werden haben. Suche und Sehnsucht „vergleichen“ in allen Lebensphasen meine momentane Befindlichkeit mit dem Gesuchten und Erstrebten. Sie wirken damit als Treibmittel für die Überwindung der Herrschaft einer Teil-Identität. Vor allem aber stehen sie in einer Zeit außerordentlicher Beliebigkeit und der Erosion nahezu aller Gewissheiten der Gefahr entgegen, sich selbst und das Vertrauen in die eigene Wesenstiefe zu schwächen, zu vergessen oder gar zu verlieren.

Erinnerung stellt einen wesentlichen Faktor unserer Identität dar. Sie ist ihr narrativer, ihr erzählerischer Anteil. Persönliche Geschichte offenbart sich in Geschichten. Unterliegt die Deutung dieser Geschichten im Fortschreiten und im Wandel unseres Lebens aber nicht selbst dem Wandel, dann wirkt sich dieser Anteil schnell konservativ und sich selbst bestätigend aus. Diese auf erzählten Geschichten über mich selbst beruhende Identität sollte deshalb von dem unterschieden werden, was wir Biographie nennen. Die Biographie kann als zeitliche Abfolge von gleichsam objektiven Lebensereignissen und -stationen gesehen werden. Demgegenüber gehören zum Entstehen einer narrativen Identität permanente Selektionen, Verdrängungen und Projektionen, um die eigene Geschichte für mich selbst und für andere stimmig zu halten.

Übrigens gilt vergleichbares wie für die Sinnfrage und die Identität einer Person auch für größere kollektive Sinneinheiten. Kulturen, Religionen und Staaten zählen dazu, genau wie ihnen zuzurechnende Subsysteme und Subkulturen.

Wer also bin ich?

Geschichte?
Gene?
Erinnerungen?
Hoffnung?
Erwartung?
Kulturelement?
Ein Traum?
Eine Vorstellung?
Eine Illusion?
Pures Sein und nackte Gegenwart?

Oder ein fließendes Integral aus allem…..

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