Die Schätze der Weisheit

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Die Weisheit gilt einerseits als zu erhaben, um ihr mit Kritik zu nahe zu treten. Gleichzeitig wird sie von den Priestern der Wissensgesellschaft, den etablierten Wissenschaftlern, schlicht ignoriert. Und dies seit Jahrhunderten. Das eigene Selbstverständnis, den eigenen Erkenntnisanspruch und die eigenen Methoden möchte man nicht durch reinen, überzeitlichen und interkulturellen Geist relativieren lassen.
Wissenschaft verriegelt damit bis heute den Zugang zu Einsichten in jene Wirklichkeit, die mehr ist als das, was die empirischen und rationalen Augen zu sehen vermögen. Selbst die universitäre Philosophie verlor in diesem Kontext, auf der Suche nach Fortbestand ihrer wissenschaftlichen Anerkennung, die Liebe zum Größeren. Denn Philosophie meint ja im Wortsinne Liebe (Philia) zur Weisheit (Sophia). Selbstverschuldet reduzierte sie sich auf eine rationale Weltsicht und die entsprechenden methodischen Zugänge.

Die Weisheit ist eine Zeiten und Kulturen übergreifende Tiefensicht allen Geschehens. Deswegen trägt sie als so genannte ewige Weisheit auch den Namen Philosophia Perennis, also immerwährende Weisheit. In ihr berühren sich Naturgesetze, kulturelle Erscheinungen, gesellschaftliche Entwicklungen, psychische Konstellationen des Menschen sowie nicht zuletzt transzendente Fragen. Mit der Grundlegung und Autorität zum Teil Jahrtausende alter Überlieferungen richtet die Weisheit einen gelassenen und souveränen Blick auf das Sein, das Werden und das Vergehen von Kosmos und Mensch. Die Vernunft der Weisheit gründet auf menschlichen Erfahrungen, gesammeltem Wissen, intuitiv erworbenen Einsichten und Offenbarung. Der Bogen, den sie schlägt, umfasst somit Immanenz und Transzendenz, Erde und Himmel, Zeit und Ewigkeit. Getragen wird dieser gewaltige Bogen von den Säulen der Tugenden. Sie repräsentieren die ethischen und spirituellen Traditionen der Menschheit, wie sie in den Weltreligionen und ihren heiligen Schriften bekundet werden. Wir können nicht von Weisheit und der mit ihr verbundenen Erkenntnis sprechen, ohne dass die Verinnerlichung des Ethos zugleich mitbedacht ist.

Manchmal behutsam, ein anderes Mal schmerzhaft bis nahe zum Tode, lehrt die Weisheit, dass die Verfehlungen und das Scheitern des Menschen auf fehlende Einsicht, fehlende Erkenntnis, mangelndes Wissen und fehlendes Einfühlungsvermögen zurückgeführt werden können. Nur mit der in der Weisheit ruhenden Erkenntnis können wir unserem evolutionärem Entwicklungsanspruch gerecht werden.

Die herausragende Bedeutung, die der Weisheit für die menschliche Entwicklung und das menschliche Sein schlechthin zugebilligt werden kann, hat sie in den verschiedensten Traditionen auf unserer Erde seit je in eine Sonderrolle gehoben. Dem asiatischen Kulturraum gesteht man dies in Selbstverständlichkeit zu. So rekurrieren vor allem der Buddhismus, der Taoismus und auch der Konfuzianismus auf die alles überstrahlende Relevanz der Erkenntnis. Aber auch für die Hemisphäre der abrahamitischen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam kann diese Sonderposition der Weisheit reklamiert werden. Zu denken ist etwa an die Stellen in der hebräischen Bibel, dem so genannten Alten Testament, in der die heilige Weisheit als Gottes Erstling vor aller Schöpfung dargestellt wird (etwa Sprüche 8, 22–31). Oder führen wir uns die Wesensähnlichkeit von Heiliger Weisheit und Heiligem Geist vor Augen. Nach neutestamentlicher Auffassung ist Jesus Christus die Person gewordene Weisheit Gottes, was in der Aussage mündet, dass er denjenigen verkörpert, „in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis.“ (Kolosser 2, 3) Der Koran schließlich und die Hadithen, als Überlieferungen der Aussagen und Handlungsweisen des Propheten Mohammed, sind gefüllt mit Weisheitsimpulsen und den entsprechenden Ermahnungen zu einem in der Weisheit und damit der Gottgefälligkeit stehenden Leben.
Wir können zusammenfassend feststellen, dass tiefe Erkenntnis und eine integrale Vernunft, die diesen Namen verdient, ohne den Zugang zur Weisheit nicht vorstellbar sind.

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