Die Kraft des Mitleids

clausAllgemein

Das Mitleid hat es schwer in unserer Zeit. Die Menschheit wird von Bildern des Leids in einem Maße überschwemmt, dass feinere und unterscheidbare Empfindungen ersticken. Fremdes, telegen zugerichtetes Leid, dient als Stilmittel und Quotenbeschaffer für das Universum der elektronischen Medien und der Presse und zugleich bedient es voyeuristische Instinkte der Mediennutzer. Zu dieser Ausbeutung des Leids treten Gewöhnung und Abstumpfung. Dahinter kann sich dann umso besser verbergen, was an Leid dem Blick der Öffentlichkeit und des Einzelnen bewusst entzogen werden soll.

Wo die Kraft des Mitleids sich nicht kultiviert und entfaltet, dort sehen wir uns mit innerer Verhärtung und Verrohung konfrontiert. Gleichzeitig verkümmert die Fähigkeit, Glücksempfinden zu teilen und sich mitzufreuen. Wer kein Mitleid spüren kann, der kann auch keine Freude empfinden, die über den Ich-Bezug hinausgeht. Ein Mensch ohne Mitleid mit dem Leben fristet, verbannt in sich selbst, eine verworfene Existenz.

Mitleid haben, heißt Leiden. Das Leid des verwundeten anderen verwundet mich selbst. Und wer dem Anblick dieser Erde mit ihrer Zerrissenheit, den Demütigungen und Gewaltexzessen gegenüber jeglichen Formen des Lebens nicht ausweicht, für den wird das Verwundetsein dauerhaft. Es macht die Lebensfähigkeit des mitleidsfähigen Menschen aus, daran nicht zu zerbrechen und sich nicht lähmen zu lassen. Leid, Mitleid und Freude gehören gemeinsam zum Leben. Und so erweist sich eine reine Mitleidsethik letztlich als unangemessen für eine wahrhafte Auseinandersetzung mit dem Leid. Denn wo das Mitleid begonnen hat, die innere Haltung eines Menschen zu dominieren, schwächt es, wird es sentimental, destruktiv und blockiert den klaren Blick auf Handlungsoptionen. Auch lenkt es an dem Wissen vorbei, dass nicht alles geheilt werden kann, dass es den natürlichen Gleichgewichtszustand von Leben und Tod gibt.

Mitzuleiden und doch handlungsfähig zu bleiben; sich verwundbar zu halten, ohne in Tränen zu ersticken; an den Heilungskräften zu arbeiten und doch die Vergänglichkeit sehen und respektieren…
In diesem Maß liegt die Kraft des Mitleids.

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