Mystik ist Politik

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Geläufig ist die Trennung zwischen Kampf und Kontemplation, zwischen Spiritualität und Alltagspraxis, zwischen einem mystischen Weltzugang und der Gestaltung des gesellschaftlichen und kulturellen Raumes, den wir Politik nennen. Doch das jeweils eine ist komplementärer und damit untrennbarer Teil des anderen. Beide gelangen erst im Licht des Miteinander zu wahrer Reife. Und so lässt sich sagen: Der mystische Lebensstil ist politisch in höchstem Maße! Er steht als unüberbietbares Aufbruchs- und Umkehrzeichen im nihilistischen Getriebe der Gegenwart. An ihm prallen die Obszönitäten einer Macht-, Haben- und egobesessenen Welt ab, in der „Sachzwänge“ den Menschen unterwerfen und ihn gleichzeitig zum Anhängsel und Diener von Maschinen machen. Durch ihn beginnt „der Himmel“ sich zur Erde zu öffnen, verschmelzen Transzendenz und Immanenz, Zeit und Ewigkeit. Mystik, recht verstanden, ist die gelebte Beziehung sowohl zum Raum des Transzendenten als auch zum planetarischen Leben, das uns umgibt. Sie setzt die Kraft frei, die zur Synthese aller Aktivität führt.

Das scheint nicht ohne Risiko und vor allem nicht spannungsfrei für sich entsprechend ausrichtende und lebende Menschen. Jederzeit müssen sie damit rechnen, von ihrer Mitwelt miss- oder gar nicht verstanden zu werden. Denn die innere Lebenshaltung und daraus resultierende Alltagsorientierungen und -entscheidungen werden oft dem widersprechen, was man gemeinhin als Normalität definiert. Und nur selten lässt sich dieses Unverstandensein in der Sprache des Alltags auflösen. Wem die Berührung aus dem Raum des Numinosen und Geheimnisvollen wesensfremd ist, dem bleibt wohl auch der Versuch unverständlich, dieses Berührtsein zu erklären. Er wird als Un-Sinn zur Seite schieben, was doch erst den Menschen vom kleinen Ich zum großen Selbst erhebt – nämlich die Verwiesenheit auf das Transpersonale und Transzendente.

Mystischer Lebensstil vollzieht sich als ein fortwährendes Ringen; mit der Mitwelt, mit unserem „Innenraum“, mit sich selbst. Das zu bestehen, ist nicht ohne eine Grundhaltung des Loslassens denkbar; loslassen im Hinblick auf Macht und Verfügenwollen über andere; loslassen von Gewohnheiten, die der Freiheit des Augenblicks entgegenarbeiten; loslassen dessen, was sich vor die Freiheit des Geistes schieben will. Dieses Loslassen wendet sich gegen mannigfache Formen der Instrumentalisierung von Leben und Handeln. Es zeigt und beweist sich als gelebter Widerstand gegen jede instrumentelle Vernunft und daraus erwachsener Ungerechtigkeiten und lebensfeindlicher Haltungen. Ihm entspringt schließlich jene Gelassenheit, die es braucht, um die Relativität dessen zu erkennen, was die Tagesordnung dieser Welt uns als Wichtigkeiten vorzuschreiben bemüht ist.

Dankbarkeit und Ehrfurcht prägen eine entsprechende Zuwendung zum Leben. Diese führt in ein Tun, ohne zu erniedrigen und ohne sich in gebückter Haltung zu bewegen. Im Gegenteil. Sie richtet auf und stellt den Menschen in eine partnerschaftliche Beziehung mit dem universalen und transzendenten Du.

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