Ruhe legt sich über das Land

clausAllgemein

Der Mensch der Gegenwart hat sich selbstgewiss in dem Glauben eingerichtet, er sei der Regisseur in dem Drama, das seine Lebensverhältnisse und Lebensbedingungen aufführt. Ja, er sei nur dann eigentlich er selbst, wenn er dieser Einbildung keinen Zweifel gegenübersetze.
Covid 19 schreibt das Drehbuch neu.

Der Regisseur gibt ungewollt nun den Komparsen, mit wechselnden Kostümen. Besonders beliebt ist dabei das des Cricetus, auch Hamster genannt. Doch die schwere narzisstische Kränkung, die mit dem Entzug der Handlungsvollmacht einhergegangen ist, kann nicht ansatzweise dadurch besänftigt werden, dass die Wände der heimischen Burg mit Mehl, Toastbrot, Seifenspendern und Toilettenpapier verstärkt werden. Wirklich mehr Sicherheit dringt dadurch nicht in das Bewusstsein ein, zumal diesem letztendlich ja auf Verbrauch angelegten Gewinn im eigenen Heim der erwartete oder bereits eingetretene dramatische Verlust an öffentlichem Raum zugrunde liegt.
Das war übrigens bei der zur Zeit öfters zum Vergleich zitierten Ölkrise von 1973 und den damit verbundenen (Sonntags-) Fahrverboten in meiner Wahrnehmung anders. Man fühlte sich damals, ein knappes Jahr nach der Veröffentlichung von „Grenzen des Wachstums“ durch den Club of Rome, allenfalls ein wenig ausgebremst. Eher erstaunt schaute man auf die Durchbrechung von alltäglichen Mobilitäts-Routinen, an die man sich doch gerade erst seit etwa 15 Jahren gewöhnt hatte. Und der Spuk war schnell vorbei. Ohne irgendeine Konsequenz für den wachsend rasenden Konsum.

Covid 19 taucht uns nun aber in eine völlig andere Wahrnehmung von Welt ein als die bisher so vertraute. Wir spüren erstmals den Rückschlag von einer äußerst unreflektierten Globalisierung und einer entsprechend hemmungslosen Mobilität. Und dieser Rückschlag zeigt sich in unserem Nahumfeld. Er dringt in den innersten Raum meines In-der-Welt-Seins ein. Dies geschieht gegenwärtig unabhängig davon, wie dramatisch die Bedrohung wirklich ist.

Naturgesetze geben sich nun selbst in der engeren Lebenswelt des Menschen fühlbar zu erkennen, etwa die der Fragilität und Anfälligkeit als Folge steigender Komplexität, Verbreitung und Unübersichtlichkeit. Größenordnungen spielen dabei eine eher unerwartete bzw. überraschende Rolle. Das kleinste vorstellbare Lebewesen legt die gigantische globale Maschinerie zerstörerischer Raserei für einen historischen Wimpernschlag lahm. Und das, weil es einen Test gibt, dieses Lebewesen überhaupt zu identifizieren und Virologen plötzlich zu politischen Meinungsführern werden.
Automobilwerke stellen die Produktion ein, Flieger bleiben auf dem Boden, Kreuzschiffe am Kai, Skilifte stehen still, die Aktienkurse brechen ein. Das hätte keine noch so dringliche Klimadiskussion je geschafft…
Die Luft über Wuhan aber ist wieder klar, man kann den Himmel wieder sehen, wie Bilder der NASA zeigen. Und in Venedig ist das Wasser sauber wie nie; Fische und Kraniche kehren zurück, wie ein Sprecher der Stadt erklärte.

Kein evolutionärer Zufall auch, dass dieses kleine Wesen aus der Welt der Tiere stammt, jenem durch den Menschen so gnadenlos und unbarmherzig unterdrückten und malträtierten Reich. Übrigens genau wie die verheerende Spanische Grippe 1918-1920. Wer meint, der Verzehr von Tieren, auch der exotischsten, sei wahre Freiheit und diene dem unverzichtbaren Genuss, sollte sich über die Folgen nicht beklagen. Wir ernten auch heute, was wir als Menschheit selber gesät haben.

Nun legt sich also Ruhe über das Land, sieht man einmal von dem medialen Getöse und der unersättlichen journalistischen Gier nach Außergewöhnlichkeit ab. In jedem Fall ist die Situation Anlass, neben dem Klagen und Betrauern der Opfer, wahrhaft innezuhalten und sich schon jetzt mit dauerhaften Konsequenzen zu beschäftigen. Covid 19 macht in wenigen Wochen unmissverständlich klar, was 1000 Philosophen, Mahner und Propheten mit unzähligen Worten nicht vermochten.
Sieben Wochen ohne bekommt so in dieser Fastenzeit eine ganz neue Bedeutung. Wir üben uns in manches ein, das eines Tages zur planetarischen Selbsterhaltungs-Selbstverständlichkeit werden wird. Einschränkung und Selbstgenügsamkeit. Das ist eine wirklich gute Nachricht, gerade weil sie den herrschenden Zeitgeist existentiell verunsichert.

Und die Erde? Erhaben dreht sie sich weiter durch den Raum, atmet durch, schenkt uns den Frühling.

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