Auch Rast ist Reise

clausAllgemein

Status viatoris, Zustand des Wanderers, nannte die scholastische Theologie das Wesen des bewussten und nach Glückseligkeit strebenden Menschen: Es geht um den Unterwegs-Charakter unseres Daseins zwischen Schon jetzt und Noch nicht. Zum Werden hin sind wir geschaffen, trotz aller Vergänglichkeit. Der Sinn des menschlichen Seins erfüllt sich in Entwicklung, Erkenntnis und innerem Wachstum. Status viatoris widerstrebt so dem Bedürfnis nach einer Anhaftung, die das Fließende aus dem Leben nimmt. In der Wanderschaft zeigt sich unsere Identität als Kinder eines Universums, das in Bewegung ist und das keinen Abschluss kennt. Denn auf den siebten folgt der achte Tag…

Wie von einer unsichtbaren Hand gezogen und geführt, verlassen wir so in der Geschichte unserer Art immer wieder erworbene Sicherheiten und Beständigkeiten. Die Suche richtet sich auf schöpferische Wege in das Neuartige und in unseren Augen möglicherweise Bessere.
Sehnsucht nach dem Unvergänglichen inmitten des Vergehenden, nach Heimat und Einssein inmitten von Trennung und Spaltung, nach Schönheit und Harmonie inmitten von Zerstörung, heißt die Führerin in diesem Prozess.

Leichtes Gepäck erleichtert Pilgerschaft und Reise. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Unterwegs zu sein, kann so auch als Synonym dafür gesehen werden, Überflüssiges zurückzulassen und in gewissem Sinne zu einem Vorübergehenden zu werden. Leicht mag das als Wankelmütigkeit oder gar Treulosigkeit gesehen werden. Doch es geht um etwas anderes.

Nicht von Unbeständigkeit ist hier die Rede, sondern von großer Beständigkeit – hinsichtlich der Liebe zu einem Leben, das sich als Prozess versteht. Beständig sind auch die damit verbundene innere Haltung und das Vertrauen darauf, dass sich das, wessen das Leben bedarf, dann ergibt, wenn wir es benötigen bzw. bereit dafür sind. Es gibt schließlich ein Weitergehen, ohne etwas zu verlassen und ohne dass die Zuverlässigkeit leidet. Die Vorübergehende befreit und verwandelt sich. Lebenswandererin, ja Lebenswandlerin zu sein, ist ihr inneres Bild, von dem sie getragen wird – wohl wissend, dass es den freien Menschen ausmacht, wahrhaft lieben und treu sein zu können, ohne anzuhaften. Wer die Stationen des Lebens und die Regungen des Schicksals erkennt, annimmt, bewältigt und wertschätzt, kann bleiben ohne zu erstarren.

In Johann Wolfgang von Goethes Faust spricht dieser zu Mephistopheles:
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Auch der Pilger durch sein eigenes Leben wird innehalten, Rast einlegen, der Heimat verbunden bleiben. Aber es käme ihm nicht in den Sinn, den Moment zu halten. Denn der Augenblick ist Gottes Gewand, wie es Martin Buber ausdrückt. Und er gewinnt Besonderheit gerade durch seine Flüchtigkeit, so wie in den Installationen des kürzlich verstorbenen Christo. Flüchtigkeit und das unausweichliche Vorüberziehen und Verwehen sind zudem die Mütter von Aufmerksamkeit und Achtsamkeit.

Herz des Wandrers
Nur streunen
durch festgebaute Häuser.
Bleib Gast in den Unterkünften
die das Leben anbietet.

Behalt das Herz des Wandrers
Schütze deine Sehnsucht…

Lass selbst Schönheit
wenn sie festhält.
Schlaf nicht zu lang
in gesicherten Wänden:
Haus hab als Zelt.

Behalt das Herz des Wandrers
niste nur ein als Zugvogel
sehnsüchtig nach anderem Land.
(Gisela Dreher-Richels)

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