Weg und Werden

clausAllgemein

Nach der Fassungslosigkeit über die menschgemachten äußeren und inneren Verwüstungen, die den Erdkreis umspannen, gilt es endlich zu akzeptieren, dass der ersehnte Sinn des Weltgeschehens nicht vom Himmel fällt. Er ist von der Menschheit immer neu zu erschaffen – und zwar möglichst durch jeden einzelnen Menschen selbst. Das fatalistische Einverständnis mit einer aus den Fugen geratenen Welt und das abgestumpfte, verkümmerte Beharren auf dem, was nun mal ist, wie es ist, trotz allen Leidens daran und allen Klagens – dies unwürdige Gebaren will endlich beendet sein.

Keine Frage, in dieser Epoche der Menschheitsgeschichte als Person den Weg zu entdecken, der einerseits authentisch der eigene ist und sich gleichzeitig als Ausdruck für eine neue Verbundenheit mit allem Leben zeigt, fordert. Denn Vieles kann dem entgegenstehen:
existentielle Armut und fehlende Bildung;
berufliche und private Patchworkidentitäten;
medial provozierte Stilisierungen;
Sozialumwelten, die in entfremdende Rollenmuster zwingen;
materielle Ansprüche, ob derer schon mal die Seele verkauft wird; schließlich Selbstbilder, die durch all dies bestimmt und geprägt sind.


Sich selbst zu finden meint, das sich auch in mir spiegelnde Ganze zu entdecken. Dies ist etwas grundlegend anderes, als eine durch den Zeitgeist oder durch persönliche Ansprüche bestimmte Ich-Stilisierung. Erst in dem Erkennen und Erspüren der universalen Verbundenheit und meiner Teilhabe daran, schält sich prozesshaft das heraus, was wir „unseren Weg“ nennen.
Die damit verbundenen Anforderungen sind deshalb so enorm, weil wir uns auf einem evolutionären und kulturellen Niveau bewegen, das uns noch immer zunächst in ein Bewusstsein von Anderssein und in eine abgrenzende Differenzerfahrung führt. Das betrifft die Beziehungsebenen zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur, Mensch und Transzendenz. Entwurzelung hinsichtlich unseres wahren und möglichen Wesens ist die bekannte Folge, Weltfremdheit nur ein anderer Begriff für dieses sich selbst fremd werden, jene Auflösung unserer Beheimatung im kosmischen Ganzen. Oft bleibt dann nur als gleichsam kulturelle Signatur das Empfinden tiefgreifender Ungeborgenheit und Zerrissenheit in einer letztlich von uns selbst zerrissenen Welt.
Ohnmachtsgefühle breiten sich in der Folge aus, oft verbunden mit einer lähmenden Erschöpfung. Ich bin mir selbst problematisch geworden, erschrecke vor dem eigenen Spiegelbild, so ich es mir überhaupt zumute.

Seinen Weg zu finden, hat deshalb viel mit Heilung zu tun, nicht nur der eigenen, personalen, sondern gemäß dem Grundsatz universaler Verbundenheit der Heilung des Ganzen. Jeder Mensch, dessen Bewusstsein sich aus der egozentrischen Umklammerung löst, spielt dabei eine unverzichtbare Rolle. Denn im weltumspannenden Feld geistiger Energien wirkt auch sein Impuls auf das Ganze ein.

An dieser Stelle kommt zwar das selbstreflexive Denken ins Spiel, das jedem Erkennen vorausgeht. Doch erst das darauf dann bezogene tätige Sein macht das Werden ganz. Wir können auch sagen: Das Verhalten stützt und schützt das Erkennen und die darauf bezogene Idee vom Leben. Im Tun und nicht nur im Bewusstsein und dem inneren Durchleben werden Ahnungen zur Gewissheit und bewährt sich die auf das Sein hin orientierte Einsicht. Selbstreflexion und ein ihr folgendes konsequentes Tun, bringen mich mir näher, Schritt um Schritt. Im Handeln und Verhalten zeigt sich, ob ich mir gemäß und ob ich mir treu bin.

Unsere leibliche Schwäche und Endlichkeit können wir in dieser Bewegung nicht abstreifen. Beide bleiben gegenwärtig, erinnern an die naturgegebenen Grenzen, und sie beugen damit Selbstüberschätzung vor. Gleichwohl sollten sie nicht länger taugen, den Menschen in seinem Anspruch und in der Forderung, in die er sich gestellt sieht, zu mindern und ihn von der ihm möglichen Tiefe fortzuführen.

Sich selbst und den darauf bezogenen Lebensweg zu finden, nennen wir Werden. In ihm offenbart sich uns als Person der Sinn des Weltgeschehens. Dieser Prozess fordert nicht nur, wahrer Mensch zu sein im Angesicht der uns begegnenden Entzweiung des Lebens. Über die eigenen Schwächen, die eigenen inneren Widersprüche und Gegensätze hinaus gilt es vielmehr fortwährend neu Mensch zu werden – für mich und für die Evolution des Lebens selbst.

Es steht außerhalb jeglicher Frage, dass solches im Miteinander nicht nur besser gelingt, nicht nur erfüllender ist, sondern auch das kollektive Energiefeld besser nährt und stärkt. Wenn du aber rufst und niemand dich hören mag – dann geh alleine.

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