Schuld und Scham

clausAllgemein

Es war wohl der Sommer 1957, als ich mit Eltern und Schwester den Campingurlaub in Blockhus verbrachte. Der damals noch kleine Ort liegt ganz im Norden Dänemarks, wo Richtung Skagen, der Spitze Jütlands, die Strände endlos sind und die raue Nordseeluft eigentlich nur von Freiheit singt. Seit sieben Jahren auf der Welt, lebte ich als Nachkriegskind eine völlig unbeschwerte Kindheit. Sonntags gab es bei meiner Großmutter gelegentlich „Hitlerkuchen“, weil die schokoladene Masse auf dem Hefeteig so schön dunkelbraun war. Mein Großvater war überzeugter Nationalsozialist bis zu seinem Lebensende. Zugleich bewunderte er die israelische Armee, wie sie im Sechstagekrieg vom Juni 1967 die arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien im Handstreich besiegte. „Blitzkrieg, wie wir damals…“
Ich liebte meinen Großvater trotzdem.

Am ersten oder zweiten Tag des Urlaubs ging ich mit meiner Mutter in eine Bäckerei nahe des Campingplatzes, der direkt hinter den Dünen lag. Wir wollten Brötchen holen, Milch und etwas Butter für das Frühstück vorm Zelt. Der Gang war vergebens. Im Laden wurden wir weder beachtet noch bedient. „Weil wir Deutsche sind, Claus“, hörte ich meine Mutter sagen. An einem der folgenden Tage vor einem Kiosk, ein Paar Öre in der Hand, dasselbe. Ich bekam kein Eis am Stiel. Da wusste ich wenigstens, dass das daran lag, ein Junge aus Deutschland zu sein.
Jahrzehntelang habe ich darüber kaum mehr nachgedacht, habe mich nicht wirklich mit den Empfindungen der Dänen auseinandergesetzt. Wenn ich mich heute, 63 Jahre später und 75 Jahre nach Kriegsende, in diese Situation hineindenke, empfinde ich Scham. Vom 9. April 1940 bis zum 5. Mai 1945 war Dänemark von Hitlers Soldaten besetzt, der Krieg also gerade einmal 12 Jahre vorbei. An den Stränden ragten die Bunker aus dem Sand, die von der Wehrmacht in das schöne Land gerammt worden waren, um sich vor den Angriffen der Alliierten zu schützen. Die Wunden klafften noch offen, die Wut war noch groß – und schon wieder kommen Deutsche, „besetzen“ jetzt als Touristen das Land, vergnügen sich, als wäre nichts geschehen.

Noch heute fahre ich gerne im Urlaub nach Dänemark, hoch in das, was mir der schöne Norden ist. Die Bunker hängen mittlerweile schief im Sand, von den Gezeiten gezeichnet. Sie dienen als Wellenbrecher, wenn Sturmfluten auf das Land zugreifen.
Deutsche Urlauber fotografieren sich vor der Kulisse, das wilde Meer im Hintergrund. Alles normal, alles gut, das Klima so gesund. Das sind dann solche Momente, wo ich mich noch immer schäme, Mensch aus einem Land zu sein, dessen Männer und Frauen, auch an diesem Ort, einmal schreckliche Täter waren. „Schuld“, so sage ich mir dann, ist nicht mit der Generation aufgelöst, die sie zu verantworten hat.

Die Schriftstellerin Christa Wolf veröffentlichte 1976 ihr autobiographisch gefärbtes Buch „Kindheitsmuster“. Darin schreibt sie:
„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“
Manchmal dauert es lange, bis diese Fremdheit in der eigenen Generationengeschichte einen Riss bekommt und etwas nach uns greifen kann, das im Lebens- und Erfahrungsraum der Vorgängergeneration(en) seine Wurzeln hat. Dann erinnere ich mich an den Satz, den ich vor vielen Jahren am Eingangstor der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem las und der in deutscher Übersetzung lautet:
„Nur die Erinnerung führt zur Erlösung, und das Vergessen verlängert das Exil.“  
Nach dem biblischen Buch „Exodus“ (2. Buch Mose) mag dieses Exil bis ins dritte oder vierte Glied reichen.

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