Da ist kein Gott. Der Himmel ist leer…

clausAllgemein

Wer kennt nicht den großen Zweifel, der die Suchbewegung hin zu einem Transzendenzbewusstsein begleitet; der Zweifel, der an einer Vorstellung haftet, die wir mit den Namen „Gott“ oder „Vater“ verbinden und der wir im Christentum einen „Sohn“ zuwiesen. Eine berühmte literarische Auseinandersetzung findet sich bei Jean Paul (1763-1825) in der „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei.“
»Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter.… Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: »Jesus! haben wir keinen Vater?« – Und er antwortete mit strömenden Tränen: »Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.«

Ganz ähnlich Rainer Maria Rilke (1875-1926) in einem seiner Gedichte:
„Und dann von tausend Erdensorgen schwer
stieg meine Seele in den hohen Himmel,
und meine Seele fror; denn er war leer.
So warst du niemals – oder warst nicht mehr,
als ich Unsel‘ger auf die Erde kam…
Wenn gläubiges Gefleh nur Irrsinn ist,
du nie dich offenbarst, weil du nicht bist. –


Einst wähnt‘ ich, ich gesteh, ich sei die Stimme deiner Weltidee…
Und in den stummen Steinen gellt‘s wie des wunden Wildes Sterbeschrei.
Es legt ein Reif sich auf den nächt‘gen Mai.
Ein schwarzer Falter zieht im Flug vorbei
und er sieht Christum einsam knien und weinen.“


In beiden Sichtweisen halten die Autoren den „Gottessohn“ noch ganz in der Anhaftung an ein sinnlich vorstellbares göttliches DU und in der entsprechenden Erwartung personaler Begegnung. Deren Ausbleiben führt in Verzweiflung und in eine metaphysische Traurigkeit, die letztlich in einer gescheiterten Erwartungshaltung gründet. Das eigentlich so unbedingt Namenlose will doch benannt sein, das so innig innerlich ersehnte mit den Sinnen im Außen gefunden werden.
Doch den äußeren „Vater“ und die leibhaftige Begegnung gibt es nicht. Als psychische und „soziale“ Wunschprojektionen und in allen Versuchen, das Ersehnte in Bild und Gebärde zu binden, wenn ich es schon nicht finden kann, führen sie vielmehr unendlich weit fort, an einen Ort aussichtsloser Dunkelheit. Auf diese von ihnen vorgenommene brutale Entmythologisierung geben die beiden Dichter schließlich verschiedene und doch ähnliche Antworten.

Jean Paul lässt den Protagonisten seiner Erzählung aus diesem Albtraum von einem im leeren Kosmos umherirrenden Christus erwachen und dann seine Seele vor Freude weinen: „…und die Freude und das Weinen und der Glaube an Gott waren das Gebet.“  Doch Gott ist nun nicht mehr das gesuchte personale Gegenüber, sondern das Unendliche inmitten der naturhaften Harmonie. „Und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.“

Rilke stellt seinem einsam weinenden Jesus in einem anderen Gedicht innerste Verbundenheit an die Seite. In ihr verschmilzt Menschliches und Göttliches im namenlosen gemeinsamen Werde- und Reifeprozess.  

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz, an dem wir reiften,
da wir mit ihm rangen; du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,
du dunkles Netz, darin sich flüchtend die Gefühle fangen.

Du hast dich so unendlich groß begonnen an jenem Tage,
da du uns begannst, – und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
so breit geworden und so tief gepflanzt,
dass du in Menschen, Engeln und Madonnen
dich ruhend jetzt vollenden kannst.


Statt aus der tiefen Verzweiflung eines Golgatha-Jesus mit „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, klingt hier das „Ich und der Vater sind eins“ (Joh. 10,30). Wirklich einsam, metaphysisch einsam, kann danach nur sein, wer diese Einheit übersieht bzw. sie nicht spürt, sie in sich nicht findet, sie nicht in der Kontemplation erringt. Diese Einheit lehrt den Menschen seine Allverbundenheit. Wir nennen das Non-Dualität, die Aufgehobenheit aller so wunderbaren Unterschiedlichkeit im einen Seinsgrund mit dem Namen Gott. Der Menschheitslehrer aus Nazareth zeigte genau dies auf. Durch alles hindurch offenbart sich derselbe Geist, der allem zugrunde liegt.
Die Wirklichkeit des Göttlichen liegt nicht in einem Jenseits, sondern in einem transzendenten Diesseits. Sie hält sich auf in unmittelbarer Nachbarschaft und im eigenen Innenraum. Das Innen verwahrt den Schlüssel ins geistige Universum. So wie Hiob über die Schau Gottes sagt:
„In mir werde ich ihn schauen, mit meinen inneren Augen werde ich ihn sehen.“



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