Handlung und Schönheit

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Da gibt es Handlungen oder Worte, die uns schon in dem Moment als defizitär oder ungut bewusst werden, in dem wir gerade dabei sind, sie auszuführen. Dann allerdings ist das Getane noch nicht zu Ende. Es verfolgt uns, etwas ruft nach Verbesserung und Korrektur. Das Gewissen fährt seine Stacheln aus. Für eine Weile leben wir in innerer Dissonanz. Und dieser Zustand bleibt, wenn auch mit abnehmender Intensität, im schlimmsten Fall ein Leben lang. In der Musik als Töne, die auseinanderklingen und nicht miteinander harmonieren, ein unverzichtbares Stilmittel, wirkt eine uns bewusste Dissonanz in der Psyche im günstigen Fall als unmittelbarer geistiger und moralischer Entwicklungsanreiz. Normalerweise zeigt sie sich jedoch solange als zehrende Energie, bis wir uns wieder in ein inneres Gleichgewicht gebracht haben. Das setzt zunächst Erkennen und Einsicht voraus. Dann können Kompensation, ehrliche Reue oder Vergebung (auch sich selbst gegenüber) geschehen. Verdrängen schiebt demgegenüber nur auf, bis sich das ins Unterbewusste Verlagerte durch einen vielleicht ganz nichtigen Anlass wieder schmerzlich rührt.

Verstehen wir mit Albert Schweitzer als ungut, was Leben schädigt, vernichtet, an seiner Entfaltung hindert, dann fehlt einer entsprechenden Handlung die Harmonie mit dem Lebensstrom und damit auch die Anmut in der Ausführung. Zudem schwäche ich die Instanz, die mit Immanuel Kant „das moralische Gesetz in mir“ genannt werden kann.

Handlung und die Psyche des Handelnden sehnen sich nach Harmonie, nach Zusammenklang von Sollen, Wollen und Vollendung. Dann können wir ihr auch Schönheit zugestehen. Und diese zu erreichen, ist der grundlegende Impuls des Seins. Alles Tun und Wirken ist dazu gerufen, eine Widerspiegelung der im Kosmos sich zeigenden Schönheit zu werden. Oder wie es im Islam heißt: „Gott ist schön und liebt die Schönheit.“

An dieser Stelle erinnern wir uns an das Verständnis von Schönheit und Anmut, wie es Friedrich Schiller in seiner Auseinandersetzung mit den berühmten Kritiken Kants formulierte. Danach geht es darum, Neigung und Pflicht, Sinnlichkeit und Vernunft in Harmonie zu verbinden. Die Ästhetik zeigt der Seele den Weg dorthin und führt sie zu der Anmut, die es dann möglich macht, von einer schönen Seele zu sprechen.
„Eine schöne Seele nennt man es, wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich bis zu dem Grade bemächtigt hat, dass es dem Affekt die Leitung seines Willens ohne Scheu überlassen darf und nie Gefahr läuft, mit den Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen. Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es.“ (Friedrich Schiller, Über Anmut und Würde)

Dieser letzte Punkt, der Verweis auf den gesamten Charakter, nun scheint entscheidend. Schönheit und die Anmut, welche sich in der Ausführung des Tuns zeigen, sind Ausdruck einer inneren Harmonie der Seele. Darum geht das lebenslange Ringen, das stimmig sein mit sich selbst als Teil und Spiegel der kosmischen Ästhetik. Da jedes Wesen einen anderen Ausdruck der unendlichen Vielfalt des kosmischen Reigens repräsentiert, wird sich die Harmonie mit der Seele auch immer in unterschiedlichen Schwingungen empfinden lassen und entsprechend sichtbar werden. Ruhen in der Kraft der Stille oder sich selbst begegnen im wilden Tanz des Universums müssen dann kein Widerspruch sein. Die schöne Seele und der schöne Charakter sollten nicht mit blutleerer Harmlosigkeit verwechselt werden.

Worin gibt sich nun eine schöne Seele im Außen zu erkennen?
Es ist ihre Weise, mit Anmut dem Leben zu dienen. Das Leben selbst wird zum Lobpreis und Gebet.

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