Vor sich selbst bestehen

clausAllgemein

Es kann die Ehre dieser Welt dir keine Ehre geben,
was dich in Wahrheit hebt und hält, muß in dir selber leben…

Das flücht’ge Lob, des Tages Ruhm, magst du dem Eitlen gönnen;
das aber sei dein Heiligtum: vor dir besteh‘n zu können.
(Theodor Fontane)

Vor sich selber zu bestehen, das setzt ein Bewusstsein meiner Selbst voraus, was durchaus etwas anderes meinen kann als das volkstümliche „Selbstbewusstsein“. Dieses kommt ja manchmal bodenlos daher, wenn es die Folge einer Selbstüberschätzung ist, die nie ernsthaft mit Grenzen und den eigenen Ursachen daran konfrontiert wurde. Vor mir selber kann ich in einem tieferen Sinne nur bestehen, wenn ehrliche Selbstreflexion und auch die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstkritik mein Leben gründen.
Von Selbstüberhöhung oder gar Selbstsucht liegt das weit entfernt. Zu sich selbst zu stehen, meint vielmehr, auch solidarisch mit dem Ganzen zu sein. Denn ich bin nur, was ich bin, durch das Ganze und mein Sein inmitten. Unbestritten sind das Gratwanderungen, vor allem dann, wenn die eigenen, wohlabgewogenen Überzeugungen dem Mainstream widersprechen. Zu sich selbst und zugleich für das Ganze zu stehen, wird so beides bedeuten können: sich einordnen unter Zurückstellung persönlicher Interessen – wie etwa in pandemischen Zeiten; aber auch: einem Herdentrieb widerstehen, der offensichtlich ins Verderben führt. Gerade in solchem Widerstehen liegt oft der bedeutendste Beitrag, den eine Person für das Ganze zu leisten vermag.

Ein Mensch, der in Aufrichtigkeit, orientiert durch sein Gewissen und ohne sich mit anderen zu vergleichen vor sich selbst bestehen kann, erlangt Selbstachtung. Sie trägt, stabilisiert, hält den aufrechten Gang. Wo die Selbstachtung bedroht wird, etwa in unguten und übergriffigen Beziehungen, negativen Hierarchien im Berufsleben, Diskriminierung oder den unterschiedlichsten Formen von Mobbing, erleidet oft auch das Selbstwertgefühl Minderung und damit das Herz unseres Wesens. Zahllose Frauen und Männer, die sich im Widerstand gegen Unrechtsstrukturen und Unrechtssysteme aufgerieben und geopfert haben, konnten das nur, weil ihre Selbstachtung und ihr Selbstwertgefühl mächtiger waren als Schläge und Tritte von Außen.
Größer als alles, was dich bedroht, kann nur das sein, was sich unerschütterlich und verlässlich eins weiß und als eins empfindet mit einem überzeitlichen, die Person übersteigenden Ganzen. Es wird genährt von dem, was wir Liebe, das Gute und das Lebensdienliche nennen. Es geht hierbei also nicht darum, sich in einem inneren Vergleichswettbewerb als besser, klüger, gebildeter oder attraktiver zu empfinden als andere Menschen. Vielmehr sind Ehrlichkeit, Integrität und Verlässlichkeit die entscheidenden Parameter, verbunden mit der Gewissheit, Anfechtungen und Krisen nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein, sondern sie zu bewältigen.

Wer damit leben darf, vor sich selber bestehen und mit einem angemessenen Selbstwertgefühl allen Herausforderungen gegenübertreten zu können, dem und der werden Alleinsein und Stille nichts Fremdes, sondern wohltuend Vertrautes sein. Denn es ist die bewusst aufgesuchte Stille, die mir die Chance gibt, zu mir selbst zu finden. Hier reift, was sich auf den Marktplätzen und Schaubühnen des Lebens so schnell verliert.
Stille, das meint nicht nur Ruhe und Zurücknahme von dem Lärm der äußeren Welt. Vielmehr geht es um ein offenes und erwartungsfreies Begegnen mit unserem größeren und tieferen Selbst, in dem wir alle ruhen, wenn wir es nur zulassen. Diese Stille ist Hören auf den Klang des Lebens  in seiner vollendeten Form.

Und es gehen die Menschen zu bestaunen
die Gipfel der Berge
und die ungeheuren Fluten des Meeres
und die weit dahinfließenden Ströme
und den Saum des Ozeans
und die Kreisbahnen der Gestirne,
und haben nicht acht ihrer selbst.
(Aurelius Augustinus)

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