Die Kommunikation des Leidens

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Nur das Sterben und der Tod sehen sich noch stärker an den Randbereich unserer Kultur geschoben und mit einer dunklen Aura umwoben als das Leiden. Vom Schmerz her gedacht, der uns in größter Intensität ereilen kann – und zwar sowohl körperlich wie auch seelisch – ist das durchaus verständlich. Leiden steht, wenn es ausschließlich vor dem Horizont der Pein, des Verlustes und des Nichtgelingens betrachtet wird, für das Negative im Leben schlechthin. Was gäbe es da anderes zu deuten…von positiv mag man in diesem Zusammenhang gar nicht sprechen.

Ohne etwas in irgendeiner Weise verharmlosen zu wollen, können wir das Leiden als ein Auge der Erkenntnis sehen. Auch das Schlimmste gereicht zur Entwicklung, wenn wir in ihm irgendwann das verstehen lernen, was über alle Unbegreiflichkeit, alles Unverständnis und alles Entsetzen hinaus zur Selbst- und Welterkenntnis beitragen will. Manch einem Menschen, der tief ins Leiden verstrickt ist, mag diese Aussage als Zumutung erscheinen.

An diesem Punkte führt nur dann ein Weg aus der Verengung unserer Wahrnehmung, wenn das Leiden zwar als schmerzhafter Eingriff, allerdings im Kontext der Vielfalt und Fülle des Seins, betrachtet wird. Wir versuchen damit, es als Stufe im Prozess des Werdens wahrzunehmen und als Pfand für jene „höheren“ Güter, ohne die Menschsein sich selten vollendet. Ein ununterbrochenes Vor-sich-Hinleben in Abwehr und Verdrängung jeglicher Anfechtung, stumpft ab. Es lässt die Sinne und Empfindungsfähigkeit, auch gegenüber dem Schmerz des anderen Lebens, verkümmern. Das Leiden hält auf seine Weise wach und offenbart das Sein als eben nicht gleich-gültig.

Sowohl manche körperlichen, insbesondere aber auch seelischen Leidensempfindungen, können als Rufe des Lebens nach einer tieferen, seinsgemäßen Existenz gesehen werden. Oft wird das Neue und für das eigene Leben noch Unverstandene erst vor der schmerzhaften Erfahrung des Defizitären erkennbar. Das Leiden zeigt sich dann als destruktiv und produktiv zugleich.

Seinen Ausgangspunkt nimmt die Neuorientierung von Sinn und von Handlungsmöglichkeiten bereits dann, wenn der Mensch anfängt, am Leiden zu leiden. Zu leiden ist schon schmerzhaft genug, dann aber auch daran leiden, dass man leidet, führt in eine Abwärtsspirale auf allen Ebenen. Erkenne ich das, lassen sich in der Folge neue Ziele bestimmen und innere Räume errichten, diese Ziele anzustreben. Das ist ein schöpferischer Prozess. Die Unabänderlichkeit des Leidens beherrscht nun nicht mehr alles. Erste Schritte über die von negativen Energien angegriffenen Lebensräume hinaus werden vorbereitet und gegangen. Dabei hilft das Wissen um eine letzte Freiheit, über die wir immer verfügen. Alte und morsche Brücken des Gewordenen bleiben hinter uns. Solches meint ungleich mehr, als das Leiden in überkommener kultureller Form pflichtgemäß einfach auszuhalten. Darin zeigt sich zwar ohne Zweifel eine besondere Größe, doch liegt dieser heroische Akt auch nahe an resignativer Verlorenheit.

Die Annahme des Leidens führt über den Erfahrungsweg der Kommunikation. Gerade wenn wir einen Sinn des Leidens in der wachsenden Bereitschaft erkennen, Überlebtes, das uns verwundet hat, hinter uns zu lassen, fordert es sie ein – und zwar auf drei Ebenen.
Da ist einmal die Kommunikation mit dem Leiden selbst. Es führt den Menschen ja in die wohl größtmögliche, auf sich selbst bezogene Intimität und die Verbindung mit dem, was ihn als verwundender „Feind“ ergriffen hat. Mit ihm, diesem Leid verursachenden innerlichen Gegenüber, gilt es in Kontakt zu treten. Dann wird Schritt um Schritt, im Dialog mit jeder inneren Einschätzung, jedem Urteil und jedem ausgelösten Gefühl offensichtlicher, wie ich das mir Zugehörige im Bewusstsein abgespalten habe, nur weil es mich verwundet. Erst wenn ich in der Kommunikation mit dem Leiden erkenne, dass ich es selber bin, dass der Beobachtende das ist, was er beobachtet, und die Ertragende das, was sie erträgt, kann die Heilung als schöpferische Bewältigung beginnen.
Zugleich fordert es die über mich hinausgehende Kommunikation. Schließlich verbleibt mein Leiden ja nicht bei mir, betrifft es direkt oder indirekt immer andere Menschen mit und erfährt so Resonanz. Das Zur-Sprache-Bringen des Leidens, vor allem bei den engsten Bezugspersonen, erweist sich als Voraussetzung, es durch die Wahrnehmungen des Du noch besser zu verstehen und in seinen Ursachen annehmen zu können. Auch vermag diese Kommunikation jenen Belastungen und Missverständnissen vorzubeugen oder sie gar aufzulösen, die durch mich als den Träger des Leids im Mitmenschen verursacht werden können. Oft sind es ja gerade solche Irritationen bei den uns nahe stehenden Menschen, die das Leiden verstärken, wenn ich mich unverstanden oder gar isoliert fühle.
Es bleibt als dritte Ebene der Kommunikation die Ausrichtung auf das, was wir geistige Welt nennen, das Größere, das uns umgibt und dessen Teil wir zugleich sind. In alter Sprache sagte man, „das Leiden vor Gott bringen“; es aussprechen und das, was sich meiner Verfügung entzieht, mit geöffneten Händen übergeben: „Dein Wille geschehe“, formulierte es einst der Prophet aus Nazareth.

Die existentielle, auf das Wachstum des Menschen ausgerichtete Herausforderung des Leidens besteht somit darin, die Einkerkerung in der eigenen überkommenen Lebenswirklichkeit zu überwinden. Geschieht dies nicht, bleiben wir Opfer des nicht Verstandenen und vor allem auch der erlernten und sozialisierten Weisen, damit umzugehen. Dann mögen wir vielleicht sogar dazu tendieren, das Leiden zu zementieren, ermöglicht es uns doch, die Verhältnisse, die wir schufen, ohne den Schmerz des Lassens und die Herausforderungen des Neuanfangs beizubehalten. So wird das Leiden zur alles beherrschenden Instanz. Vor allem aber bleibt dem Leidenden der Zugang zu der Erfahrung verstellt, dass es an der Quelle des Seins, am Ursprung unseres Wesens und in der Tiefe des Selbst nichts mehr gibt, das verwundet werden kann.

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