Eine neue Renaissance

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Der Schritt in eine dem Netzwerk des Lebens zugewandte Menschheitsepoche wird außerordentlich sein. In seiner Dimension mag er gar noch größer ausfallen als die Renaissance, mit der wir das Mittelalter schrittweise hinter uns ließen. Anspruch und Erfordernis hierfür sind gewiss ohne Beispiel. Denn auch wenn angesichts der Folgen massiver menschgemachter Zerstörungen und Vernichtungsorgien eigentlich kaum noch Zeit ist, können wir sie uns auf der Ebene des Bewusstseinswandels doch nehmen. Der Geist lässt sich nicht zwingen. Er lernt in den existentiellen, und vor allem das eigene Ich überschreitenden Dingen nur widerwillig und dann auch nur gemächlich. Und noch anspruchsvoller sind ja die Umsetzungen in jene Lebensenergien hinein, die wir Bedürfnis nennen; von den daraus notwendig resultierenden Verhaltensänderungen einmal ganz zu schweigen.

Vorindustrielle Zeiten und indigene Biotope können uns auf diesem Weg nicht richtungsweisend sein. Zu sehr sind wir durch die Jahrhunderte hindurch mit technologischen Prozessen verschmolzen, ja in vielen Lebensbereichen zu Maschinenmenschen geworden. Die Transformation sollte deshalb nicht nur Bewusstsein, Ethos, Haltung und Verhalten umfassen, sondern auch Technologie sowie technologische Strukturen, die dem Wandel dienen und ihn stützen. Gleichzeitig sind wir als Menschheit gefordert, uns von großen Teilen des Planeten weitestgehend zurückzuziehen, damit sich die Vielfalt des Lebens angemessen und ungestört entfalten kann. Es gibt Räume, an denen haben wir nichts verloren und entsprechend auch nichts zu suchen und zu finden – außer Respekt und Selbstzurücknahme.

In der Renaissance waren Philosophie, Kunst und Architektur ein Ausdruck des sich zum Licht erhebenden Menschen. Die Neugeburt, die vor uns liegt, hat eine andere Ästhetik. Gleich einer großen Symphonie drückt sie das harmonische Zusammenspiel unterschiedlichster Klang- und Empfindungsdimensionen aus, die der noch immer verbliebenen unendlichen Vielfalt des Lebens entstammen. In der Topographie dieser Welt wird, um mit Albert Schweitzer ein anderes Bild zu verwenden, die Idee des Menschentums einem Mittelgebirge gleichen, hinter dem sich das Hochgebirge der Zusammengehörigkeit aller Wesen erhebt.

Für den zukünftigen Menschen wird sich das Menschsein nur noch als wechselseitige Verbundenheit mit allem Sein verstehen und erklären lassen. Was wäre das für ein Aufstieg, zu dem es gleichwohl keine Alternativen gibt. Alle anderen Strategien, deren Ausgangspunkt nicht die erkannte und empfundene dienende Rolle des Menschseins ist, werden unweigerlich daran scheitern, einen für uns und endlos viele andere Lebensformen noch verträglichen Planeten zu halten.

In der neuen Renaissance fallen die Grenzen, an denen zwischen wert oder unwert, nieder oder höher unterschieden wird. Nichts im Lebensprozess des Kosmos ist ohne Sinn, und nichts ist ohne Zusammenhang mit ausnahmslos allem anderen. Das zu erkennen, schafft die Basis für ein zukünftiges Verständnis von Leben, in dem dieses seinen Wert aus der bloßen Existenz bezieht. Mein Recht zu leben, ergibt sich nun immer aus dem Recht eines jeglichen Lebens. Meine Einmaligkeit verstehe ich in der Einmaligkeit eines jeglichen Seins und dem Wert an sich, der in jedem Leben steckt. Der Mensch schützt anderes Leben damit nun nicht mehr nur um seines eigenen Vorteils oder seines eigenen guten Gefühles willen, sondern weil es als Leben inmitten von Leben einfach da ist. So wird er dem universalen Willen zum Sein im Rahmen seiner Möglichkeiten gerecht und bleibt ihm treu.

Starke Werte und eine positive Kraft bilden somit die Grundierung dieses Zukunftsbildes. Nichts, kein Bedürfnis, keine Struktur, keine Technik und keine überkommene Gewohnheit sollen mehr Orientierung geben und lenken, wenn sie der tätigen Liebe zum Leben widersprechen.

Für eine solche, vielleicht nicht sehr wahrscheinliche, aber trotzdem mögliche Zukunft, wird es unverzichtbar sein, dass wir Bilder in unser Bewusstsein malen, die uns begleiten, ziehen, ausrichten und im rechten Moment beflügeln. Solche Bilder mögen Ausdruck geben von dem großen Traum gelingenden Lebens inmitten einer sich neu erfindenden Menschenwelt. Sie wollen von Schönheit sprechen, von Harmonie und einer überzeitlichen Klarheit. Denn was nicht zunächst gedacht und mit allen Sinnen ersehnt wurde, was nicht als verzaubernde Vision vor unserem inneren Auge leuchtete, wird niemals Wirklichkeit werden. Erinnern wir uns: Vor dem Bau der großen Kathedralen im ausgehenden Mittelalter stand die Sehnsucht des erwachenden und wachsenden Menschen nach dem himmlischen Licht. Im monumentalen sakralen Gebäude fand es schließlich seine irdische, leuchtende Heimat.

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