Liebe in einem „sinnlosen“ Universum

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„Je begreiflicher uns das Universum wird, desto sinnloser erscheint es uns.“

Steven Weinberg (1933-2021), Elementarteilchenphysiker und Nobelpreisträger, schrieb dies im Epilog seines 1977 erschienenen Bestsellers „Die ersten drei Minuten“.
Vielleicht klingt dieser Satz verstörend, aber bezogen auf das, was wir bis heute wissen, zugleich auch sinnvoll. Unzählbare Galaxien entstehen und vergehen. Kräfte, die Menschen nie verstehen können, toben sich aus; sie gebären neue Sternenwelten, verschlingen und vernichten andere, verschmelzen. Es ist ein wunderbares und zugleich schrecklich anmutendes kosmisches Schauspiel, das durchdrungen ist von einer Ästhetik der Unermesslichkeit und des Grauens. Manchmal scheint es, als wäre das alles wirklich nur ein Spiel und eben dieses Spiel selbst auch der sogenannte Sinn. Da bliebe dann allenfalls noch die Frage zu stellen, wer oder was es initiiert hat, Regie führt und es beobachtet. So verständlich diese Frage wäre, würde sie doch nie in eine Antwort hineingleiten. Ergiebiger scheint da der Blick auf die Rolle des Menschen in diesem Schauspiel zu sein.

Lassen wir einmal die zerstörerische Raserei außer Acht, mit der wir uns auf Mutter Erde austoben; wenden wir für einen Moment den Blick von dem Lebensfeindlichen und Ausbeuterischen ab, das in der Art und Weise liegt, wie wir leben, konsumieren und uns bewegen; kehren wir selbst die narzisstische Nabelschau unserer Gattung unter den durch Verdrängung bereits gewölbten Teppich der Geschichte. Dann bleibt immer noch etwas Außerordentliches und sogar Atemberaubendes übrig, das den Planeten und seine menschlichen Bewohner einzig macht – zumindest in dem uns bekannten Universum. Es ist die Liebe.
Jene Liebe, die so unendlich viel mehr ausdrückt als den Brutpflegeinstinkt, den wir mit den Tieren gemeinsam haben; die Liebe in ihrer Bedingungslosigkeit, begründet nur in sich selbst und ohne weiteren Zweck; die Liebe, die nicht haben will, nichts fordert und nur auf eine Wirkung gerichtet ist: wiederum Liebe. Inmitten der gewaltigen kosmischen und auch irdischen Energiefelder ist sie so unscheinbar, so zart, so sanft und so verletzlich wie das Lebewesen Erde selber. Es mag sein, dass in genau dem der einzige tiefere Sinn von uns Menschenwesen liegt. Dann wäre diese Rolle, Liebe in den Kosmos zu bringen, unser Charisma und unsere Berufung. Kein anderer Mitspieler in dem universalen Drama von Werden und Vergehen füllt ansonsten diese Rolle aus.

In der Geschichte des uns nahen und von uns heute weitgehend überschaubaren Universums, hat es lange gedauert, bis diese Liebe auftauchte und ihren Platz auf der kosmischen Bühne erhielt. Auf dem Zeitstrahl vom Urknall bis jetzt war das gerade eben erst. Aber warum ist sie entstanden? Vermutlich schlicht, weil sie fehlte. Weil es an etwas mangelte, das Leben und planetarisches Geschehen sich nicht einfach ereignen lässt, sondern es beobachtet, reflektiert und wertschätzt um seiner selbst willen; sich ihm zuwendet, sich sorgt, pflegt und alles dafür tut, dass es erblühen kann. Wenn es das, was wir „Gott“ nennen, gibt – dann ist diese Liebe die Antwort auf die Sehnsucht seines Wesens. Denn, wie so oft geschrieben – aus nichts kann auch nichts entstehen.
Bleiben wir bei diesem Gedanken, so tritt jenseits aller Hybris die außerordentliche Bedeutung des Menschen im kosmischen Reigen ans Licht. Nichts kann ihn als Träger von Liebesenergie ersetzen. Und das sollte uns bewusst sein, wenn wir so fahrlässig mit unserem Sein und dem des uns nährenden Planeten umgehen. Das auch weist uns den weiteren Entwicklungsweg, nämlich die Verfeinerung unseres Wesens durch noch viele Häutungen hindurch hin zu dem Destillat, das wir reine Liebe nennen. Falls wir eines Tages in der Lage sind, uns in die Weiten des Raumes aufzumachen, dann sollte neben der heute noch unbekannten Energie, die das Raumschiff treibt, nur noch Liebe in Menschengestalt mit an Bord sein – die wesentliche humane Botschaft, die es neben der klassischen Musik Wert ist, verbreitet zu werden. Und sollte das mit dem intergalaktischen Reisen außerhalb unserer Möglichkeiten bleiben, dann wäre es wenigstens das Bemühen wert, dass ohne weiteren Zweck irgendwo im All ein kleiner Planet um seine kleine Sonne kreist, den man die Heimat der Liebe nennen kann.
Was das für unsere Haltung und unser Verhalten heißt?

„Wir marschieren in der Nacht. Das einzige Licht auf unserem Weg ist, unserem Herzen und dem Gesetz der Liebe zu folgen…Es gibt keine andere Ethik als die, vom Geist der Liebe erfüllt zu sein und auch wirklich in der Liebe zu leben.“ (Albert Schweitzer)

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