Was meint eigentlich „christlich“?

clausAllgemein

Es liegt im Selbstverständnis der großen Religionen, sich Einzigkeit zuzuschreiben. Gewiss kann man von den Ursprüngen des Religiösen her den unterschiedlichen Wegen ihr jeweils Besonderes, ja vielleicht sogar Außergewöhnliches attestieren. Daraus jedoch einen Absolutheitsanspruch abzuleiten, wendet die Schönheit der besonderen Erscheinung ins Anmaßende und Weltfremde. Denn alle „Völker“ empfingen auf ihrer Suche nach dem göttlichen Urgrund die Heilsbotschaft durch jeweils ihre Propheten, in jeweils ihrer „Sprache“ und eingebettet in eine für sie verständliche Erzählweise. Will man die verschiedenen Wege der Rückbindung (religio) des Menschen in ihrem Wesen verstehen, so heißt das, sich dem Kern und Ausgangsimpuls zuzuwenden und weniger den darauf folgenden Ausgestaltungen und Institutionalisierungen. Die Schlüsselbotschaft entspringt immer der Quelle. So auch im Christentum.

Es ruht auf zwei Säulen:
I  Dem trinitarischen Verständnis
II Der Gestalt Jesu, seiner Botschaft und seinem Lebensweg

I Trinität – hinter diesem kompliziert klingenden und oft als polytheistisch missverstandenen Begriff steht eine tiefe und im Letzten alle Religionen überstrahlende Wahrheit. Das Absolute, der Ur- und Schöpfungsgrund („Gott“, „Vater“) bringt sich in (einem) außergewöhnlichen Menschen („Sohn“) zum Ausdruck, teilt etwas in Wort, Haltung und Handlung von seinem Wesen mit. Die Berührung des Menschen, die Vermittlung, ja die Beziehung zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen geschieht durch den als „heilig“ bezeichneten, also der Sphäre des Vollkommenen zugehörenden „Geist“. Er ist allgegenwärtig und verbindet auch die sich Gott öffnenden Menschen.

II Jesus selber verstand sich als „Der Weg, die Wahrheit und das Leben“.  Das Wirken des Propheten aus Nazareth zeigt dabei den Weg als Symbiose aus Aktion und Kontemplation. Vor der Rede und dem heilenden Handeln steht der Rückzug in die Stille, das Eintauchen in den geistigen Raum, das Stillwerden vor Gott. Es zieht sich bis in die Gethsemane-Nacht. Kraft und Klarheit kommen aus der Stille und einer Haltung der unbedingten Hingabe an das Größere.
Die Wahrheit spricht aus den „Herrenworten“ und den Gleichnissen. Überzeitlich etwa werden in der Bergpredigt die Ansprüche für wahres Menschsein formuliert:
Sanftmut, Geist des Nichtverletzens, Liebe, Empathie, Vergebung, Einfachheit, Gerechtigkeit und eine entsprechende Klarheit.
Gleichnisse, also bildhafte Erzählungen, weisen in ihrer Bedeutung über den Erzählrahmen hinaus. Sie unterrichten von der Weise eines gelingenden und wahrhaftigen Lebens, umschreiben aber auch metaphorisch das ansonsten Unvorstellbare, wie etwa das „Reich Gottes“. Die Geschichten von dem verlorenen Sohn (Lukas, 15, 11-32), dem Senfkorn (Markus 4, 30-32), dem Kamel und dem Nadelöhr (Matthäus 18, 24ff.) oder dem neuen Wein in alten Schläuchen (Matthäus 5, 37-38) mögen als Beispiele dienen.
Das Leben stellt sich dar als ein Hindurch. Es fließt in unendlichen Schattierungen zwischen dem Licht der Weihnacht und dem Dunkel der Seele, zwischen Golgatha und Auferstehungsgeschehen, zwischen Anfechtung und Standhaftigkeit. Getragen wird es von dem Bewusstsein einer allumfassenden Liebe und Klarheit. Es spürt die Fülle, die den Menschen in jedem Moment umgibt („Kairos“), nicht zuletzt als den Geist einer ultimativen Geborgenheit, allen Irrungen und Wirrungen zum Trotz.

Das alles ist unfassbar viel. Die Heilung der Welt ruht darin – und das weit jenseits aller religiösen Missionierungen. Wir sprechen hier von einer überzeitlichen Gewissheit, die keinerlei Dogmen, keinerlei Vorschriften und keinerlei Kontrolle benötigt, aber viel an wahrer Sehnsucht, täglichem Aufbruchsgeist, Tapferkeit und Urvertrauen. Wo dieses zusammenkommt und sich in Lebenspraxis zeigt, sind irgendwelche formelhaften Bekenntnisse nicht mehr nötig. Es gilt dann der Satz des Franziskus von Assisi (1181/82 – 1226): „Plus exemplo quam verbo.“ Auf das gelebte Beispiel kommt es an, mehr als auf das bloße Wort…

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