Gottesebenbildlichkeit

clausAllgemein

Ein Gastbeitrag von Tilman Evers

„Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn“ (Genesis 1,27). Heute ist dieser Mensch zur Bedrohung seiner Mit-Kreatur geworden. Wie passt das zusammen?

Kaum ein anderer Satz der Bibel hat das Menschenbild des Abendlandes tiefer geprägt als diese Zusage der Gottesebenbildlichkeit. Und kaum ein Bildwerk bringt dies ergreifender zum Ausdruck als jene Portalskulptur an der Kathedrale von Chartres: Gott „denkt“ Adam sich zum Bilde. Der Mensch wird von seinem Schöpfer geliebt, deshalb darf er sich zu Ihm aufrichten. Das kann im Hohen Mittelalter wieder gedacht und geglaubt werden; die Bildplastik in Chartres feiert es.
Dabei war stets klar: Eine körperliche Ähnlichkeit von Gott und Mensch kann die Bibel nicht meinen – so dass ein Bildwerk wie in Chartres nur eine Metapher sein kann. Gemeint ist die Seele des Menschen – so das Verständnis des Mittelalters.
Im weltlicheren Denken der Renaissance ändert sich der Ton. Marcilio Ficino, Theologe im aufstrebenden Florenz schreibt: „Frei ist der Mensch, weil er Ebenbild Gottes ist. Gottes Ebenbild ist er, weil Gottes Geist im Geist des Menschen wirkt.“ Die Ebenbildlichkeit ist hier nicht mehr ein Liebesband, sondern ein Freibrief. Gottes Geist wirkt nicht mehr im verborgenen Seeleninnersten, sondern im Bewusstsein des Menschen. Kann das nicht dazu verlocken, das eigene Ego für gottähnlich zu halten? Die Renaissance wird zur Epoche des Menschen – aber auch der Kraftgenies, der skrupellos Herrschenden. Die Aufrichtung des Menschen, so wichtig und nötig sie anfänglich war: Sie verführt zur Selbstvergottung.

Beides, die Erhebung wie die Überhebung – sie prägen die einsetzende Neuzeit. Auch der nachfolgende Satz der biblischen Schöpfungsgeschichte bekommt nun einen anderen Klang: „…macht euch die Erde untertan, und herrscht über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alle Tiere, die auf der Erde sich regen“ (Genesis 1,28). Der Gedanke der Gottesebenbildlichkeit verkehrt sich zum Rechtsgrund für Herrschaft, auch über die Natur, die dadurch zum unbeseelten Gegenstand und zur beliebigen Ressource wird. Auf diesem Boden entfaltet sich die moderne Naturwissenschaft, alsbald im Bund mit dem aufkommenden Kapitalismus. Ihre Kräfte beginnen, den Planeten zu verändern. Die Naturbeherrschung rechtfertigt nun auch die Unterjochung der naturnahen Völker. Was machbar ist, ist auch erlaubt. „Gott ist tot“ – der Mensch macht sich zum Erben (H.E. Richter: Der Gotteskomplex).
Heute, angesichts von Klimakatastrophe und Ökozid erkennen wir: Unsere Fähigkeiten sind dabei, die Biosphäre unseres Planeten zu zerstören – und damit auch uns selbst. „Macht Euch die Erde untertan“ – der Satz mochte in einer „leeren“ Welt angesichts einer übermächtigen Natur gegolten haben. Er gehört zu den Sätzen der Bibel, die heute nur noch historisch gelesen werden können.

Unser Bewusstsein ist geprägt von einer Wirkungsgeschichte, die eine dreigeteilte Metaphysik entstehen ließ: Gott – Mensch – Welt/Natur. Nicht nur sind diese drei Bereiche voneinander getrennt – sie sind vor allem scharf abgestuft: Gott und Mensch stehen einander ganz nahe. Gegenüber Welt und Natur folgt dann der große Abstand und die klare Unterordnung. Subjekte sind nur Gott und Mensch – alles andere sind Objekte. Die Folge ist ein allzu vermenschlichter Gott, ein allzu vergöttlichter Mensch, eine allzu entgöttlichte Natur. – Es ist diese mentale Trias, die uns die Zerstörung der Biosphäre „erlaubt“. In allen drei Richtungen werden wir umdenken müssen.
Ein Schlüssel dafür ist der Satz, den Albert Schweitzer vor hundert Jahren gesprochen hat: Wir sind Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das leben will. Wir haben keinen Ort außerhalb der großen Natur – alles andere ist Verblendung. Also können wir nur überleben, wenn wir uns deren Grenzen und Zyklen einfügen. Das verlangt Ehrfurcht, Demut, mitfühlende Bescheidung.

Hat der Schöpfungsbericht der Bibel dann noch eine Relevanz? Der Mensch wird darin hervorgehoben – aber er steht inmitten langer Listen von Mitgeschöpfen. Könnte es nicht sein, dass Gott auch jedes andere Lebewesen, ja auch jeden unbelebten Teil seiner Schöpfung aus sich heraus, also „sich zum Bilde“ schuf? Dass also die Gabe des Denkvermögens zwar eine Auszeichnung des Menschen, mehr noch aber eine Verantwortung ist – und andere Mitgeschöpfe andere Auszeichnungen mit anderen Aufgaben im Geflecht der Schöpfung haben? Ja, in der Bibel ist die Ebenbildlichkeit nur dem Menschen zugesagt – weil sie ein Werk für dieses Geschöpf in dessen Sprache ist! Wissen wir, was Gott einem Fisch oder Vogel, einem Lurch oder Elefanten, den Ameisen und Mikroben in deren jeweiligen Sprachen zugesagt hat? Jede Tier-Doku im Fernsehen lässt uns über die unglaublichen Fähigkeiten und Schönheiten von Tieren staunen. Könnte es sein, dass jedes Lebewesen sein je besonderes Geburtsrecht hat – die Ebenbildlichkeit also dem Wunder des Lebens insgesamt gebührt? vielleicht mitsamt dessen Habitat in der Biosphäre dieses Planeten? dessen Ort im Kosmos??
Noch anders: Vielleicht sind wir Menschen nicht nur gottähnlich, sondern – göttlich? In dem Sinne, aus göttlichem „Stoff“ gemacht zu sein – wie jedes andere Atom der Schöpfung auch? Das würde aus der Dreiteilung eine große Einheit machen: Alles ist aus Gott, alles spiegelt Gott – die Natur nicht weniger als der Mensch! Wir sind nie irgendwo anders als in Gott. Es gibt kein Sein, das nicht eine Inkarnation Gottes wäre – nämlich aus jener All-Energie, All-Liebe, All-Weisheit stammend, die wir nicht begreifen, nur ahnen können. – Das ist kein Pantheismus – Gott bleibt die unerschöpfliche Quelle jenseits jeder Kreatur. Wohl aber ein Pan-en-theismus, der Gottes Urkraft in allem sieht. – In ihren Worten sagt die heutige Quantenphysik dasselbe: Im Letzten ist Materie : Geist.
Das schließt ein personales Gottesbild nicht aus. Wenn in der Unausdenklichkeit Gottes alle ! Eigenschaften, alle ! Möglichkeiten bereit liegen – dann auch die, sich uns immer wieder in ergreifender Menschlichkeit zu offenbaren. Gott kann als großes Du erlebt und angesprochen werden. Aber nicht, weil das sein, sondern weil das unser Wesen ist.

Ja, das könnte unser überkommenes Gottes- und Menschenbild verändern. Tangiert das unseren Glauben? Eher vertieft es ihn. Die Mitgift der Ebenbildlichkeit wäre dann kein Vorrecht, sondern Sinnbestimmung. Eine Wegweisung, die nicht aus der Mitgeschöpflichkeit heraus, sondern in sie hinein führt.

Dr. Tilman Evers ist Studienleiter (i.R.), Politikwissenschaftler und Friedensforscher. Er lebt in Kassel

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