Äußere und innere Heimat

clausAllgemein

So wie für das deutsche Wort Sehnsucht ist es auch für Heimat schwer, in anderen Sprachen eine rechte Entsprechung zu finden. Doch haben wir es hier sicherlich mit keiner dem deutschen Sprach- und Kulturraum vorbehaltenen Empfindungstiefe, die sich in diesen beiden Worten auszudrückt, zu tun. Vielmehr scheint es um eine allgemeine menschliche Seelenregung zu gehen, die sich in diesen innerlich tief zusammenhängenden Worten auf Ankommen, Angenommensein und Heil(ung) richtet; auf die Suche nach Geborgenheit und Sicherheit; auf einen „Raum“, dem ein Mensch sich zugehörig fühlt, ohne das und vor allem ohne sich begründen zu müssen.

Heimat kann eine Landschaft sein, eine Stadt, ein Zuhause, ein beruflicher „Ort“, ein Mensch, eine Familie, eine weltanschauliche Gruppierung… Manchmal sind es sinnliche Wahrnehmungen wie Geräusche oder Gerüche, die sie uns erinnern und spüren lassen.
Sie kann sich aber auch als ein im Menschen lebender innerer Sehnsuchtsraum öffnen. Und Beides, das sogenannte Äußere und das sogenannte Innere vermögen sich zu verbinden, etwa an einem heiligen Ort, einem Temenos oder in einer Landschaft der Seele.

Entsprechend offen stellt sich der Deutungsgehalt dar, der in jedem einzelnen Menschen eine je eigene Ausprägung erfährt. Heimat schreibt nichts fest. Es geht um Suchen, Finden, Verlust, Wandel, Wiederentdeckung. Von den Kindheitstagen her kommend, formt der persönliche Schicksalsweg den Rahmen für das, was als Vorstellung, Gefühl, Erinnerung und Traum in uns lebt. Breitet es sich in einem Menschen aus, so sind in diesem Moment seelische, körperliche und Herzempfindungen miteinander verbunden. Sie erfüllen eine Person.

So lebt Heimat als offener Prozess in uns, als Frage und Verheißung. Und auch wenn in dem Gefühl vieles sich zusammenfindet, so hat sie doch eine äußere und eine innere Seite. Die äußere Heimat kann zerbombt, zersiedelt, zubetoniert werden – so weit, dass der Wiedererkennungs- und Wiederempfindenswert zerrinnt und verblasst, ja sich auflöst. Aus meiner äußeren Heimat kann ich vertrieben werden. Menschen können mich verlassen. Es bleibt nur die Erinnerung an eine Empfindung. Heimat lebt dann lediglich noch als Idee von etwas Vergangenem weiter, wie bei vielen alten und dem Tode nahen Menschen. Der Wesenskern der inneren Heimat ist demgegenüber in seiner Tiefe unverwundbar. Jederzeit kannst du ihn aufsuchen. Er geht nicht verloren, auch wenn er sich wandelt. Er hat viel mit dem zu tun, was wahre Identität genannt wird.

Die bewusst aufgesuchte Stille weist den Weg in die innere Heimat, der Atem führt. Dies ist seit Jahrtausenden die große Weisheit aller kontemplativen Schulungen. Was meint das?

Kontemplation steht dafür, eins zu werden (con) mit dem Innersten, dem Heiligsten (templum), dem namenlosen Grund, dem göttlichen Bereich. Es ist ein Weg jenseits von Dogmen und jenseits von Theologie. Jeder Mensch soll ihn gehen können. Denn, wie der Mystiker Meister Eckehart anmerkte, ist der Zugang zum „Himmel“ allein die Sehnsucht. Kontemplation, die wesenhafte tiefe Stille, führt in diesen überzeitlichen Heimatraum. Vom äußeren gefesselten Sein zum inneren „Königreich“.

Unser Leben ist ein Hindurch. Es fließt in unendlichen Schattierungen zwischen dem Licht der Weihnacht und dem Dunkel der Seele, zwischen Golgatha und Auferstehungsgeschehen, zwischen Anfechtung und Standhaftigkeit. Die kontemplative Bewegung erdet dabei, und sie schafft den Raum für die Berührung durch den Geist der Liebe und der Klarheit. In jener inneren Heimat erwartet uns nicht Leere; im Gegenteil. Sie führt zur Fülle, die den Menschen in potentiell jedem Moment als Geist der Geborgenheit, als mütterliches Angenommensein umgibt. Es ruht alles in ihr. Auf jeweils unsere Weise nehmen wir diese Heimaterfahrung wahr. Jede einzelne ist einzig. Vor allem aber: Mit jedem bewussten Atemzug lässt sich alles Äußere abstreifen und die Reise nach Innen beginnen. Nichts und niemand kann sich dann noch der Sehnsucht des Menschen entgegenstellen.

Illustration: Jan Rieckhoff
https://www.illurieckhoff.de/

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