Die heilende Kraft der Resignation

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Der in diesen Zeiten kaum noch für möglich gehaltene Krieg in einer uns regional, historisch, politisch und kulturell nahen Weltregion; die verstörende Uneinsichtigkeit eines Großteils der Menschheit, was ökologisches Alltagsverhalten betrifft; die permanente Barbarei tierischem und pflanzlichem Leben gegenüber … sie bilden ein Panoptikum des Schreckens, in dem diejenigen Menschen sich zur Handlungsunfähigkeit verdammt sehen, die erkennen, was hier passiert. Ohnmächtig richtet sich der Blick auf ein Geschehen, das fremd und unbegreiflich scheint und dessen man gleichzeitig teilhaftig ist. Resignation breitet sich aus. Sie stellt vor die Wahl: Entweder man lässt zu, dass die Lebensfreude entscheidend getrübt, das Selbstwertgefühl dauerhaft geschwächt und damit die Tatkraft neutralisiert wird. Oder das heilende Potential, das in der Resignation ruht, tritt in den Vordergrund.

Das Feldzeichen (Signum) gab in Kriegen des Römischen Reiches den Truppen ihre Identität. Wurde es gesenkt, so stand dies für Kapitulation (resignare). Wesentlich geht unser heutiges Verständnis von Resignation darauf zurück. Als resignare bezeichnete man aber auch das Zurückziehen der Signatur, mit der Dokumente unterzeichnet wurden. Die christliche Mystik schließlich, etwa bei Thomas von Kempen (1380 – 1471), sieht in resignatione die Ergebung des eigenen Willens in den Willen Gottes hinein. Vielleicht lässt sich in diesem Sinne zusammenfassend sagen, dass Resignation einen Schritt des Bewusstseins markiert, sich in das Unabwendbare zu fügen, unerreichbare Ziele und permanent vor Wände laufende Bemühungen aufzugeben; sie in sich aufzugeben, ohne sich dabei Gewalt anzutun; auch wenn melancholische bis depressive Begleiterscheinungen an der Wegstrecke liegen.

Ähnlich der Ohnmacht und vergleichbar mit der Erfahrung des Scheiterns unterliegt die Resignation in unserer Kultur einer eher negativen Deutung. Leicht wird sie einem Menschen als Schwäche ausgelegt, als fehlendes Durchhaltevermögen, eingeschränkte Entschlusskraft. Man mag das durchaus nachvollziehen, wenn Machbarkeit und Erfolg im politischen, ökonomischen, militärischen und kulturellen Fokus stehen. Es sei denn, das Bewusstsein weitet sich und findet einen anderen Akzent.

In besonderer Weise ist dies Albert Schweitzer gelungen. In „Aus meinem Leben und Denken“ schreibt er über die Resignation:
„Wahre Resignation besteht darin, daß der Mensch in seinem Unterworfensein unter das Weltgeschehen zur innerlichen Freiheit von den Schicksalen, die das Äußere seines Daseins ausmachen, hindurchdringt. Innerliche Freiheit will heißen, daß er die Kraft findet, mit allem Schweren in der Art fertig zu werden, daß er dadurch vertieft, verinnerlicht, geläutert, still und friedvoll wird. Resignation ist also die geistige und ethische Bejahung des eigenen Daseins. Nur der Mensch, der durch Resignation hindurchgegangen ist, ist der Weltbejahung fähig.“

Der große Menschheitslehrer spricht sich damit nicht gegen notwendige Veränderungen aus. Im Gegenteil. Resignation und die damit verbundene Beruhigung und Besinnung führen nach seiner Überzeugung in einen völlig neuen Realitätssinn hinsichtlich unserer wahren Möglichkeiten.
Die erlittene und schließlich erlangte Befreiung von so manchen Schicksalswendungen des Lebens rückt in das Herz der Wahrnehmung. Wir könnten gar davon sprechen, in ein Freisein von der Welt gehoben zu sein, ohne sich dabei von ihr zu distanzieren, sie grundsätzlich abzulehnen oder zu verleugnen. Die Lebensanschauung begibt sich in einen Wandel. Eine übergeordnete, ja transzendente Akzeptanz des Seins bildet sich, gerade auch ob dessen bleibender Unergründlichkeit, ja Sinnferne. Ein Mensch lernt, sich dem hinzugeben, ohne sich aufzugeben. Er lässt jene heilsame „Passivität“ zu, die sich mit den gegebenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten bescheidet. Und dazu gehört, das, was wir selber nicht stemmen, tragen und ertragen können, zu übergeben; es freizugeben in einen Raum hinein, der höher ist als die menschliche Vernunft.

Solche Resignation lässt durchatmen. Sie schenkt Erholung in einer zerrissenen und verstrickten Welt. Anderes als in Frage gestellte Weltanschauungen und zerbrochene Lebenspläne taucht im Blickfeld auf. Ein Sein, das bejaht und geliebt sein will, ruft. In seiner „Ehrfurcht vor dem Leben“ schreibt Albert Schweitzer:„Resignation ist die Halle, durch die wir in die Ethik eintreten. Nur der, der in vertiefter Hingebung an den eigenen Willen zum Leben innerliche Freiheit von den Ereignissen erfährt, ist fähig, sich in tiefer und stetiger Weise anderem Leben hinzugeben.“

Ohne Resignation hinsichtlich der Denk-, Empfindungs- und Handlungsweisen des Alten wird es keine mit sich selbst und dem Leben versöhnte und friedliche Welt geben können. Das Scheitern, in dem wir in dieser Menschheitsepoche bereits begonnen haben zu leben und dessen drastische Auswirkungen noch vor uns liegen, hat das Potential, uns dieses zu lehren. Die alleinige Sehnsucht nach Harmonie und Friedfertigkeit reichen nicht mehr. Sie haben noch nie gereicht! Denn noch nie war das ganze Sein des Menschen tief in ihnen gegründet.

Und so hat der Talweg der Menschheit begonnen. An seinem Ende, in der Sackgasse blinder Machbarkeit, werden die alten Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten zerbrochen sein. Der Aggressor in uns senkt das Feldzeichen der Hybris, das dem Krieg gegen das Leben vorausgetragen worden war. Einen Weg zurück gibt es nicht. Und die Felswand vor uns wird sich erst öffnen, wenn wir uns in tiefe Resignation und gleichzeitige Herzenseinsicht ergeben haben. Dann kann der verlorene Sohn, das gescheiterte Erdenkind, aufstehen und den Staub seiner Geschichte abschütteln.

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